„Ich dachte Jungen könnte das nie passieren…“

Bild: © ali110 - morgue file

Die sogenannten dancing boys sind in Afghanistan bei Feiern ein häufiges Bild an der Seite von einflussreichen Männern. Es sind Jungen im Alter von 8 – 19 Jahren, die aufgrund von Armut von ihren Eltern verkauft oder als Waisen von der Straße geholt wurden. Sie müssen sich Mädchenkleider anziehen, schminken und dann für ältere Männer singen und tanzen.

Es handelt sich hierbei um die Tradition „Bacha Bazi“, zu Deutsch „Knabenspiel“. Sie existiert in Afghanistan bereits seit mehreren Jahrhunderten und kam ursprünglich aus Indien. Für reiche und einflussreiche Männer in Afghanistan sind solche Knabentänzer ein Statussymbol und eine willkommene Einlage bei Geschäftsfeiern. Bei den aufreizenden Tänzen werden die Jungen mit begierigen Blicken verfolgt, während sie wie Frauen die Hüften schwingen und die Schultern schütteln müssen. Oft werden sie nach ihrer Vorstellung noch spätnachts sexuell missbraucht, teilweise tragen die Jungen schwerwiegende Verletzungen davon. In einigen Fällen sind die dancing boys dabei genauso alt wie die eigenen Söhne der Geschäftsmänner.

Wenn sich die Jungen dagegen auflehnen, werden sie bestraft und manchmal sogar zu Tode geprügelt. Auf diese Weise bedroht  und misshandelt fügen sie sich meistens ihrem Schicksal.1) Manche Jungen haben diesen „Beruf“ freiwillig gewählt, da dies ihnen eine sichere Einkommensquelle verspricht. Wenn sie besonders gut tanzen oder sehr hübsch sind, bekommen sie großzügige Geschenke und Geld von ihren Herren.2)

Ab einem gewissen Alter, wenn sich bei ihnen der Bartwuchs einstellt oder sich die Stimme verändert, ist ihre Zeit als dancing boy allerdings vorbei. Dann sind sie für die älteren Männer nicht mehr von Interesse und steigen manchmal in ein Elend ab, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Andererseits gibt es auch welche, die später einmal selber dancing boys um sich haben möchten und damit den typischen Weg eines missbrauchten Opfers gehen, welche wiederum an anderen ihre Rache geltend machen.

Grund für dieses weit verbreitete Knabenspiel ist u.a. auch die strikte Geschlechtertrennung in Afghanistan. Die Frauen werden in bodenlangen Burkas verhüllt, dürfen nicht tanzen und auch zukünftige Ehepaare sehen sich zum ersten Mal am Tag der Hochzeit. Dadurch projizieren viele Männer ihre erotischen Gefühlsneigungen auf kleine Jungen anstelle von Frauen. Zudem besteht öfters die Meinung, dass Frauen zwar „für die Zeugung von Kindern gut“ wären, aber für das Vergnügen seien kleine Jungen besser geeignet. Denn Frauen werden als schmutzig angesehen, da sie durch ihre monatliche Periode „verunreinigt“ werden. Kleine Jungen werden wegen ihrer Reinheit daher bevorzugt. In dem streng islamischen Land, in dem Homosexualität strikt abgelehnt wird, ist diese Praxis des Knabenspiels jedoch toleriert.3)

Das Problem ausgebeuteter Jungen besteht nicht nur Afghanistan. In der pakistanischen Stadt Sindh können ähnliche dancing boys angetroffen werden, hier heißen sie Naachos. Sie sind zwischen 8 und 14 Jahren alt und treten bei Tanzfestivals auf. Zwar sind die meisten unter ihnen mit ihrem „Beruf“ zufrieden, das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sie häufig von ihren Eltern schon in ihrer Kindheit verkauft wurden. Denn für jeden Naacho bekommen die Eltern zwischen 30.000 und 50.000 Rupien im Voraus. Wenn die Jungen zu alt werden, um weiterhin in diesem Geschäft erfolgreich zu sein, bleibt ihnen oft nur noch der Ausweg in die Prostitution.4)

In Thailand sind es oft die sogenannten Lady Boys, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Äußerlich sind sie kaum von Mädchen zu unterscheiden, so weiblich sind ihre Züge und ihr Gehabe. Zum Teil beginnen sie bereits vor dem Einsetzen der Pubertät weibliche Hormone zu nehmen, um den Haarwuchs auf Gesicht und Beinen zu stoppen und weiblichere Formen zu bekommen. Diejenigen, die es sich leisten können, unterziehen sich zudem einer Operation, welche sie komplett in eine Frau verwandelt. In Thailand ist dieses „dritte Geschlecht“ ein gewohntes Bild jeder Großstadt; die Lady Boy-Transvestiten, denen man ihr Ursprungsgeschlecht kaum mehr ansieht, haben auch schon einen weltweiten Ruf. Die Lady Boys, auch Kathoey genannt, bestimmen das Nachtleben in Kabarett-Shows und als Prostituierte.5)

Ob als Lady Boys oder auch im Sextourismus, Jungen fallen immer öfter sexuellem Missbrauch zum Opfer. Auch in Kambodscha ist der Sextourismus mit Kindern weit verbreitet. Oft wird bei Hilfsprogrammen von NGOs für sexuell ausgebeutete Kinder das Augenmerk hauptsächlich auf Mädchen gelegt, obwohl Jungen genauso darunter leiden. Auf Spendenplakaten, die um Hilfe für die Opfer sexuellen Missbrauchs werben, werden meistens nur Mädchen abgebildet, die Jungen werden eher ignoriert oder vergessen. Nach dem Stand neuester Forschung in Kambodscha, Äthiopien, Brasilien, Peru, Indien und anderen Ländern bekannt für Sextourismus, werden Jungen ebenso häufig wie Mädchen von Sextouristen missbraucht. In Kambodscha sorgen sich NGOs vor allem um den Anstieg des Sextourismus in der Gegend um das Beach Resort Sihanoukville, wo scheinbar sogar mehr Jungen als Mädchen dieser Branche zum Opfer fallen. Hunderte der in Kambodscha vertretenen NGOs bieten Programme an, um junge Mädchen und Frauen zu schützen, zu retten, zu beraten und wieder in die Gemeinschaft zu integrieren. Bis vor drei Jahren waren die einzigen Angebote, die sich an Jungen und Männer richteten, nur im Bereich des HIV und Aids.

Ein kambodschanisches Sprichwort fasst diesen Tatbestand gut in Worte: „Jungen sind wie Gold. Mädchen wie weißes Leinen. Wenn Jungen in den Schlamm fallen, kann man ihn leicht abwaschen. Wenn dies den Mädchen passiert, bleiben die Schmutzflecken.“. Damit wird klar wiedergegeben, dass Jungen keine lang anhaltenden Folgen befürchten müssen – weder soziale noch emotionale – wenn sie etwas Falsches machen. Dies trifft in Wahrheit aber nicht zu. Sue Taylor, eine Beraterin für Jungen in einem Hilfsprogramm für Kinder von Hagar, einer australischen NGO, brachte das auf den Punkt: „Die Jungen schämen sich ihrer sehr, manchmal sogar mehr als die Mädchen. Manche unserer Jungen leiden genauso oder noch mehr als die Mädchen, besonders die Lady Boys unter ihnen, aufgrund der Erniedrigung die sie durch Pädophile erlitten haben. In unserer Organisation steigt zudem die Zahl der hilfsbedürftigen Jungen an.“.

Das erste Mal wurde über sexuell ausgebeutete Jungen im Jahre 2008 nachgeforscht. Diese Forschungsarbeit wurde von der Organisation Hagar  und der kambodschanischen Regierung durchgeführt, finanziert durch Mittel von World Vision Canada und seiner kambodschanischen Zweigstelle. Sie trug den passenden Titel: „Ich dachte Jungen könnte das nie passieren“.

Das Problem bei den Reintegrationsstellen ist, dass die Jungen andere Unterstützung brauchen, als die Mädchen. Oft lehnen sie jegliche Auffanghilfen ab und teilen ihr Leid niemandem mit, sondern fressen alles in sich hinein. Die generelle Annahme ist, dass Mädchen verletzbarer und weniger belastbar sind als Jungen, die jedoch falsch ist, denn die Jungen können auch nicht alles aushalten und sind zudem genauso verletzlich wie Mädchen.

  1. Artikel von María Eugenia Eyras vom 20.03.2012 (Spanisch)  []
  2. Die Tanzknaben vom Hindukusch – FAZ, 23.05.2011 []
  3. Artikel von María Eugenia Eyras vom 20.03.2012 (Spanisch) []
  4. Naachos: Dancing boys of Sindh – Dawn.com, 23.03.2012 []
  5. Die Artikel auf CPA Media und GEO  sind leider nicht mehr verfügbar. []
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