Türkei: Im Aufschwung boomt auch die Kinderarbeit

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Ganz Europa fürchtet die Krise. Nicht so die Türkei. Mit einem Wachstum von 8,5% im Jahr 2011 war das Land Europas am schnellsten wachsende Wirtschaft. In den letzten neun Jahren gelang es, die Staatsschulden von 74 auf unter 40% zu reduzieren. Und auch die Aussichten sind bestens. In den Wachstumsprognosen liegt die Türkei mit weitem Abstand vor allen anderen OECD-Ländern.

Doch der Aufschwung hat seinen Preis. In Zeiten der boomenden Wirtschaft floriert auch die Kinderarbeit im Mittelmeerstaat. 23,5% aller türkischen Kinder leben in Armut, einer der höchsten Werte aller OECD-Staaten.1) Schätzungen vermuten, dass in der Türkei mehr als eine Million Kinder zwischen sechs und 17 Jahren arbeiten um zum Familieneinkommen beizutragen. Sie schuften auf den Feldern im Süden, pflücken Haselnüsse im Hochland oder arbeiten in den Tourismushochburgen an der Küste.2)

Das Land weist ein starkes soziales Gefälle auf, nicht alle Regionen profitieren vom Aufschwung. Gerade im unterentwickelten Südosten gibt es außerhalb der Erntemonate kaum Arbeit. 3) Auch in den Slums um die großen Städte im Westen leiden viele Familien Hunger. Unter den hier vor allem lebenden Kurden und Roma ist die Kinderarbeit am höchsten. 4) Beinahe jedes zweite türkische Kind geht einer Arbeit nach. 5) Und das, obwohl offiziell die Kinderarbeit im Land verboten ist. Bereits 2001 ratifizierte die Türkei die ILO Konvention. Seither geht der Kampf gegen Kinderarbeit allenfalls schleppend voran. Ein Report der EU attestierte der Türkei im letzten Jahr „keine messbaren Fortschritte“.

In den EU-Beitrittsverhandlungen wurde immer wieder versucht, Druck auf die türkische Regierung auszuüben, um eine Verbesserung der Menschenrechtssituation zu erreichen. Mit dem Widererstarken der Wirtschaft wandelt sich allmählich jedoch auch die Stimmung im Land. Man sei nicht auf die EU angewiesen, so der allgemeine Tenor in der Bevölkerung. Befürworteten 2004 noch 75% aller Türken einen EU-Beitritt ist die Zahl mittlerweile auf unter 40% geschrumpft. 6) Hatte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Beitritt nach seinem Amtsantritt 2003 noch zur politischen Priorität erklärt, sieht er die Türkei heute auf dem Weg zum unabhängigen Global Player. 7) Es bleibt abzuwarten ob ohne unmittelbaren internationalen Druck der Kampf gegen Kinderarbeit nicht noch weiter ins Stocken gerät.

Von der in diesen Tagen (9. – 12. September) zum ersten Mal in der Türkei stattfindenden globalen Konferenz gegen Kindesmisshandlungen der ISPCAN (International Society for Prevention of Child Abuse and Neglect) erhoffen sich viele Menschenrechtsaktivisten neue Impulse für Gesetzesreformen. Irene Intebi, Präsidentin der ISPAN, verspricht sich von der Konferenz mit mehr als 800 Teilnehmern aus 67 Ländern u.a. ein größeres Bewusstsein für die Problematik der Kinderarbeit im Allgemeinen und die der Türkei im Speziellen. Kritiker fordern dagegen weniger akademischen Diskurs sondern mehr konkretes Handeln, um eine Rezession der Kinderarbeit zu erreichen. 8)

  1. eurasianet.org – Turkey: Amid Economic Growth, Child Labor Booms []
  2. Der Artikel des WDR ist leider nicht mehr verfügbar. []
  3. Haufe: Schlechte Arbeitsbedingungen in der Türkei fordern viele Tote – aufgerufen am 25.10.13 []
  4. wsw.org – Child labour in Turkey exposes growing social inequality []
  5. Today´s Zaman – One in every two children in Turkey employed as child worker []
  6. spiegel.de – Europa? Muss nicht sein… []
  7. wiwo.de – Das kleine Wirtschaftswunder am Bosporus []
  8. Todays´s Zaman – Turkey hosts international congress on child abuse for the first time []
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