Sklaverei für den Textilmarkt: Bundesregierung sieht keinen Handlungsbedarf

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Das schöne Wort „Sumangali“ bedeutet in der tamilischen Sprache „die glückliche Braut“ oder die „Braut, die Wohlstand bringt“.  Doch die Mädchen, die als Sumangali bezeichnet werden, sind gar nicht glücklich. Die Zahl der Selbstmordversuche zeigt das sehr deutlich: Jedes Jahr versuchen ca. 1.000 junge Sumangali sich mit Hilfe von Pestiziden oder Benzin das Leben zu nehmen…1)2)

Das Sumangali-System ist weit verbreitet in Südindien, besonders im Bundesstaat Tamil Nadu, der als größter Textilstandort der Welt gilt. Tatsächlich geht es in diesem System um die Versklavung der jungen Mädchen: Die Eltern geben die Mädchen in die Obhut von Textilfabriken, in denen sie dann ihre eigene Mitgift verdienen müssen. Drei Jahre lang arbeiten die Mädchen in den Spinnereien und bekommen Taschengeld in Höhe von ca. 20 Euro pro Monat. Doch da die Kosten für Unterkunft und Verpflegung von diesem Taschengeld abgezogen werden, werden den Arbeiterinnen häufig nicht einmal zehn Euro pro Monat ausgezahlt. Nach Ablauf des Vertrages sollen sie einen Bonus von etwa 500 Euro bekommen, viele der Arbeiterinnen werden jedoch kurz vor Ableistung des Vertrages unter Vorwänden entlassen – der versprochene Bonus wird ihnen dann nicht ausgezahlt3). Sumangali-Mädchen arbeiten mehr als 12 Stunden täglich, 7 Tage die Woche. Sie werden auf dem Fabrikgelände in überfüllten Hütten festgehalten und sind Beschimpfungen, Schlägen und sexueller Belästigung durch die Aufseher ausgesetzt. „Wir dürfen das Gelände nie verlassen“, erzählt ein 14-jähriges Mädchen. „Meine Eltern dürfen mich nur einmal im Monat besuchen. Das Wohnheim dürfen sie nicht betreten, wir treffen uns dann im Besuchszimmer am Eingang. Eine Stunde. Und da ist immer ein Wachmann dabei.“4).

Ca. 120,000 junge Mädchen im Alter zwischen 12 und 19 arbeiten als Sumangali in den Spinnereien in Tamil Nadu5). Die Garne, die sie dort spinnen, werden später in Textilfabriken in Indien verarbeitet, aber auch nach China, Kambodscha und Bangladesch geliefert. Ein großer Teil dieser Garne wird dann für die Produktion vieler renommierter Kleidungsmarken benutzt. Das heißt, dass die Produkte dieser Form der Kinderarbeit in wesentlichem Umfang auch in deutschen Einkaufstüten landen.

Die Grünen haben ein sogenannte Kleine Anfrage zu diesem Problem an die Bundesregierung gestellt und eine eindeutige Antwort bekommen: Der Bundesregierung ist das Problem bewusst, eine Möglichkeit, die Produkte der Sklavenarbeit von deutschen Ladentischen zu verbannen, sieht sie praktisch aber nicht6).

„Importverbote können zuständigkeitshalber nur von der EU verhängt werden“, steht in der Antwort7). Auch kann die Regierung die Unternehmen nicht zwingen, Informationen über die Bezugquellen zu geben: Es bestehe keine rechtliche Verpflichtung der deutschen Unternehmen, ihre Bezugsquellen anzugeben, lautet die Antwort. Der Bundesregierung lägen „daher keine diesbezüglichen Informationen“ vor. In dieser Weise lehnt die Bundesregierung  die von den Grünen geforderte Offenlegungspflicht, bei der Unternehmen über die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards Rechenschaft ablegen müssten, ab und setzt auf Selbstkontrolle. Das sei „eine Kapitulation vor den Unternehmensinteressen auf Kosten der Menschenrechte“, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck.8).

Mehr Information zum Thema:

Versprechen aus Watte – H&M, Primark und C&A in der Kritik

 

  1. Bio Natur Minderjährige Sklavinnen im Dienste unserer modischen Eitelkeiten []
  2. Was ist das Sumangali-Schema – Terre des Hommes – Link nicht mehr abrufbar – 22.01.14 []
  3. terre des hommes Lohnsklavinnen in Indien: Schuften für die Aussteuer []
  4. Monitor Verdammt hoher Preis – Billigmode und die Selbstmordrate bei indischen Arbeiterinnen []
  5. terre des hommes Lohnsklavinnen in Indien: Schuften für die Aussteuer – Link nicht mehr abrufbar – 22.01.14 []
  6. Süddeutsche Zeitung Genäht von Sklavinnen, verramscht in Deutschland []
  7. Süddeutsche Zeitung Genäht von Sklavinnen, verramscht in Deutschland []
  8. Süddeutsche Zeitung Genäht von Sklavinnen, verramscht in Deutschland []

Über Andreas / EarthLink

Praktikant bei EarthLink, studiert Geschichte mit Schwerpunkt Lateinamerika an der Universität Münster.
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