Vanille aus Kinderhand: 20.000 Minderjährige aus Madagaskar betroffen

Bild: © n.v. -

Vanille ist eines der beliebtesten Gewürze hierzulande. Schon seit langem haben wir uns an Pudding, Joghurt oder Speiseeis mit diesem Geschmack gewöhnt. Jetzt, wo Weihnachten vor der Tür steht, dürfte der Beliebtheitsgrad noch weiter steigen – nicht zuletzt, weil Vanilleplätzchen etwas häufiger auf dem Esstisch stehen.

Früher wurde die „Königin der Gewürze“ zumeist in Mexiko und Mittelamerika angebaut – heute ist eine weitgehend unbekannte Insel im Indischen Ozean Weltmarktführer. 2009 stammte 37% der weltweit exportierten Vanille aus Madagaskar, mittlerweile könnten es sogar bis zu 60% sein. Ganz besonders Europa scheint eine Schwäche für madagassische Vanille zu haben – ganze 25 Millionen US-Dollar im Jahr verdient Madagaskar so allein über unseren Kontinent, damit beziehen wir gute zwei Drittel der importierten Vanilleschoten von der viertgrößten Insel der Welt.1)

Nun veröffentlichte die ILO neue, besorgniserregende Zahlen: 20.000 Kinder im Alter von 12 bis 17 Jahren arbeiten auf Vanilleplantagen auf Madagaskar – damit sind 31 bis 33% aller Arbeitskräfte in diesem Sektor minderjährig! Die Situation ist verzwickt, ein namentlich nicht genannter Insider führt aus: „Die Plantagen sind anfällig, der Anbau von Vanille ist komplex. Eltern geben ihr Wissen an ihre Kinder weiter, weil man das an keiner Schule lernen kann. Das beeinträchtigt dann unter Umständen deren Bildung.“2) Sofortige Besserung ist daher schwer umzusetzen.

Jarro Claude ist einer der 20.000 Betroffenen. Mittlerweile zwölf Jahre alt, arbeitet er seit seinem fünften Lebensjahr auf Vanilleplantagen. Damit ist er in guter Gesellschaft. „Die meisten meiner Freunde arbeiten hier auf den Feldern. Wir gehen nicht zur Schule. In unserer Familie müssen alle arbeiten. Meine Brüder sind nie zur Schule gegangen, und ich glaube, ich werde das auch nicht.“ Das gleiche Schicksal teilt Noary, der, seit er acht ist, mit seinem Bruder Ando beim Vanilleanbau helfen muss. „Wir arbeiten vom Morgengrauen an sechs bis sieben Stunden“, berichtet er. Sein Vater fügt an: „Meine Kinder müssen arbeiten. Das ist eine kleine Plantage, wir müssen als Familie arbeiten, um Geld auf dem Tisch zu haben.“ Insgesamt hat er weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung, um für seine siebenköpfige Familie zu sorgen. Die Bezahlung für die letzte Ernte steht noch immer aus.3)

Andere Kinder im ähnlichen Alter müssen von vier bis sieben Uhr morgens Blüten von Vanillepflanzen abschlagen – ihr Stundenverdienst liegt bei kümmerlichen 0,12$.4)

Es wird angenommen, dass man als schwächstes Glied der Wertschöpfungskette etwa zwei US-Dollar pro Kilo verdienen kann. Der Exportpreis liegt beim 15-fachen Wert. Insgesamt gibt es 80.000 Vanilleplantagen in Madagaskar, davon allein 70.000 in der nördlichen Hauptanbauregion Sava. Eine Fläche von 69.000 Hektar wird so bedeckt.5)

Generell kämpft Madagaskar seit Jahren mit einem massiven Kinderarbeits-Problem. Einer im Jahre 2007 durchgeführten Studie zufolge arbeiteten 1.873.135 Kinder zwischen 5 und 17 Jahren – das sind 28,1% aller Minderjährigen in diesem Alter. In ruralen Gebieten steigt die Quote gar noch auf 31,1%.6) Alleine in der Region Sava, in der hauptsächlich Vanille angebaut wird, liegt die Quote bei 33,4%. Über vier Fünftel der landesweit Betroffenen (82%) gehen einer Tätigkeit nach, die für sie schädlich ist. Bei 23,4% geht man davon aus, dass sie gefährliche Arbeit verrichten – das sind 438.000 Kinder.7)

Zwar sind diese Formen von Kinderarbeit pro forma verboten – so hat Madagaskar die ILO-Konventionen 138 und 182 ratifiziert, welche das Mindestbeschäftigungsalter bei 15 Jahren, für gefährliche Arbeit sogar bei 18 Jahren festsetzen.8) Die schwache und korrupte Regierung Madagaskars ist bei der Umsetzung jedoch keine große Hilfe.3) Ohnehin haben die meisten Familien kaum eine Wahl – das Land ist immer noch von Armut geplagt, 127 Länder können ein höheres BIP aufweisen.9)

Immerhin wurde mittlerweile erkannt, dass die Gesetzeslage doch immer noch zu dünn ist. Christian Ntasy von der ILO kündigte einen Notfallplan an, um Kinderarbeit beim Vanilleanbau zu stoppen. Dieser beinhaltet eine Verbesserung der Gesetze zum Kinderschutz. Ebenso sollten betroffene Kinder ausfindig gemacht und von der Arbeit befreit werden. Als Anfangsbudget werden 100.000 Dollar veranschlagt.10)

Für Noary und seinen Bruder Ando dürften solche Maßnahmen zu spät kommen. Bald dürfte es für ihn und seine Familie wieder möglich sein, die jährliche Vanilleausbeute einzuholen. Noary dürfte sich nicht besonders darauf freuen. „Wenn die Erntezeit naht, müssen wir neben den Pflanzen schlafen, um sie zu schützen“, erzählt er. „Ameisen bedecken dann unseren Körper.“

  1. Unilever – Overview of controversial business practices in 2010 – SOLO – PDF-Datei – Seite 5 – Englisch []
  2. 20,000 children work in Madagascar vanilla production – Business Recorder – Englisch []
  3. Bitter plight of the vanilla trade children – Stop Child Labour – Englisch – Link nicht mehr aufrufbar: 19.12.14 [] []
  4. III. Child Labor In Commercial Agriculture – U.S. Department of Labor – Seite nicht mehr abrufbar am 22.05.2014 []
  5. siehe 1 – Seite 6 []
  6. Enquête nationale sur le travail des enfants à Madagascar 2007ILO – PDF-Datei – Seite 50 – Französisch []
  7. siehe 6 – Seite 60f. []
  8. Madagascar – Legislation – ILO – Englisch []
  9. The World Factbook- Madagascar – Central Intelligence Agency – Englisch []
  10. Kinderarbeit in Madagaskars Vanille-Produktion weit verbreitet – Yahoo! Nachrichten []
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Ein Kommentar zu Vanille aus Kinderhand: 20.000 Minderjährige aus Madagaskar betroffen

  1. Karlo sagt:

    18 Jahre betrug das Durchschnittsalter 2010.
    D.h. also: 50% der madegassischen Bevölkerung dürfen – wenn es nach ILO geht – nicht arbeiten.

    Hallo? – geht’s noch????

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