Lampedusa: Friedhof der Flüchtlinge

Lampedusa, Flüchtlinge, Schiff, Meer, Flucht Bild: © Sara Prestianni - Wikimedia Commons

Sarg an Sarg reiht sich in der notdürftig bereitgestellten Halle am Flughafen Lampedusas. Knapp zwei Wochen ist es nun her, dass ein völlig überfülltes Flüchtlingsboot vor der Küste der Insel kenterte und sank. Weit über 300 Frauen, Männer und Kinder verloren ihr Leben. Die Menschen auf Lampedusa – Einwohner wie Überlebende – fühlen sich sowohl von der italienischen Regierung als auch von der Europäischen Union im Stich gelassen.1) Doch auch Wochen nach dem Unglück ist kein Fortschritt, keine Lösung der Problematik in Sicht.

Im Erstaufnahmelager auf Lampedusa leben derzeit ca. 1000 Asylsuchende unter menschenunwürdigen Bedingungen – das Lager ist eigentlich für 280 Personen vorgesehen. Unter ihnen befinden sich rund 200 Kinder und Jugendliche, darunter viele Überlebende des großen Schiffunglücks von Anfang Oktober. Laut der Organisation „save the children“ sind seit Beginn des Jahres insgesamt etwa 4000 Kinder und Jugendliche als Flüchtlinge nach Italien eingereist, rund 3000 von ihnen alleine, ohne Begleitung eines Erwachsenen. Die Organisation fordert ein Gesetz, das sofortige Aufnahme und Schutz für alle Minderjährigen garantiert.2)

Die Gründe, warum sich ganze Familien auf die Reise ins Ungewisse machen oder Eltern ihre Kinder völlig Unbekannten anvertrauen, sind stets die selben: Krieg und Repression oder Armut und Perspektivlosigkeit. In Europa, so wird ihnen versprochen, werden sie Geld verdienen – Geld mit dem sie ihre Verwandten in der Heimat unterstützen können. Bei den meisten Asylsuchenden handelt es sich um sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“. Oft wird der Begriff gebraucht, um Menschen, die vor Armut fliehen, gegenüber politischen oder Kriegsflüchtlingen abzuwerten. Viele Europäer sehen sie als Eindringlinge, die nach Europa kommen, um die hiesigen Sozialsysteme auszunutzen. Doch vergessen wird, dass auch Armut ein existenzielles Problem darstellt: Meist bleibt nur die Flucht als Alternative zu Ausbeutung, Kinderarbeit, struktureller Arbeitslosigkeit und Verelendung.3)

Falls die Flüchtlinge Europa erreichen, haben sie eine lange und gefährliche Reise hinter sich. Für den Transit durch Nordafrika und die anschließende Überfahrt nach Europa geben sie ihr Schicksal in die Hände professioneller Schlepper. Diese sind in gut vernetzten Banden organisiert, machen sich die weit verbreitete Korruption unter Grenzern und Polizisten zunutze. Ein Menschenleben scheint ihnen nicht viel wert zu sein. Sie pferchen ihre „Schützlinge“ in völlig überfüllte Lastwägen und Pick-Ups, einige von ihnen werden nicht einmal die Mittelmeerküste erreichen. Die Zustände auf den Flüchtlingsbooten sind bekannt. Je mehr Menschen die Schlepper transportieren, umso höher der Gewinn: Etwa 5000 Dollar pro Person im Voraus kostet die Reise in die vermeintliche Freiheit. Die Asylsuchenden verschulden sich und müssen zudem ihren Pass abgeben. Was die Schlepper allein an der Überfahrt des Unglücksbootes von Anfang Oktober verdient haben, kann man sich ausrechnen.4)

Der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) fordert den Ausbau der Überwachung des Mittelmeerraums, ein weiteres Abschotten Europas – und erntet dafür massiv Kritik. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) dagegen befürwortet die Möglichkeit zur legalen Einreise von Einwanderern, um den Schleppern den Boden zu entziehen5). Eine weitere Abschottung der Europäischen Union wird das Massensterben nicht aufhalten, das ist offensichtlich. Doch nun die Schlepper als alleinige Sündenböcke darzustellen, greift ebenfalls zu kurz. So unmoralisch und menschenverachtend ihr Tun auch ist: Sie bedienen einen Markt auf dem mangels Alternativen große Nachfrage herrscht und auch ihr Handeln kann als Folge von Armut betrachtet werden. Somit verkennen beide Ansätze die grundlegenden Fragen: Warum begeben sich die Menschen auf die Fahrt nach Europa? Was muss getan werden, um die Zustände in ihren Heimatländern lebenswert zu machen?

Annette Groth, menschenrechtspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, pocht auf die Verantwortung des wohlhabenden Nordens. Um Fluchtanreize zu vermindern, müsse die eigene Afrikapolitik und die Rolle der Wirtschaft hinterfragt werden: Waffenexporte an autoritäre Regime, Nahrungsmittelspekulation, Duldung von Korruption – nur wenige Aspekte unter vielen, die dazu beitragen, Menschen ihr Leben im globalen Süden unerträglich zu machen. So empfiehlt sich eine zweigleisige Strategie: Die Einrichtung legaler Möglichkeiten zur Einwanderung bei gleichzeitigem Eingeständnis der eigenen Verantwortung für die Lage der Flüchtlinge und davon ausgehend tiefgreifende Reformen. Dies sollte durch eine nachhaltige Entwicklungspolitik ergänzt werden, die über finanzielle Förderung weit hinausgeht. Zum Beispiel in Form von Beratung, Demokratisierungs- und Infrastrukturprojekten6).

Erst gestern hat wieder ein Flüchtlingsboot mit 137 Menschen an Bord die Insel Lampedusa erreicht7). Sollte nicht bald ein grundlegendes Umdenken stattfinden, werden noch viele weitere folgen und hoffentlich ebenfalls  im sicheren Hafen einlaufen.

(Foto: Sara Prestianni / noborder network)

  1. FAZ: Die überforderte Insel – aufgerufen am 15.10.2013 []
  2. DRadio: Grenzen der Menschlichkeit – aufgerufen am 15.10.2013 []
  3. Zeit: Die Angst vor den Armen – aufgerufen am 15.10.2013 []
  4. Blick: «So eine Reise kann bis 5000 Dollar kosten» – aufgerufen am 15.10.2013 []
  5. Spiegel online: EU-Parlamentspräsident Schulz: „Europa ist ein Einwanderungskontinent“ – aufgerufen am 15.10.2013 []
  6. Zeit: Die Mär von der Entwicklungshilfe – aufgerufen am 15.10.2013 []
  7. Zeit Online: 137 Flüchtlinge aus Tunesien erreichen Lampedusa – aufgerufen am 15.10.2014 []

Über konstantin / earthlink

Ich bin 23 Jahre alt und studiere Politikwissenschaft und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Derzeit absolviere ich zur Berufsorientierung und aus fachlichem Interesse ein zweimonatiges Praktikum bei Earthlink.
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