H&M zieht nach Afrika weiter – Wird Äthiopien das neue Bangladesch?

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Nach den katastrophalen Berichten über die Zustände in asiatischen Textilfabriken orientiert sich die Textilindustrie neu – und nimmt Afrika ins Visier. Deutlich wird das an einer Entscheidung der Modekette H&M. Ihr Chef Karl-Johan Persson erkannte in den Ländern südlich der Sahara ein „enormes Potenzial“ und lässt fortan einen Teil der Textilien in Äthiopien herstellen. Eine Million Kleidungsstücke pro Monat sollen nun aus dem ostafrikanischen Land bezogen werden. Damit tritt der Konzern in die Fußstapfen von Primark und Tesco, die bereits in Äthiopien produzieren lassen.1)

Die Motivation für den Wandel ist vor allem das gesparte Geld. Denn sogar in Teilen Asiens steigen langsam aber stetig die Löhne. Beispiel China: Hier haben sich die Industriereallöhne – trotz weiterhin extremer Armut im Land – seit dem WTO Eintritt 2001 fast verdreifacht.2) In Äthiopien dagegen kann der Konzern ein Kleidungsstück für die Hälfte der in China anfallenden Kosten herstellen. In dem ostafrikanischen Land leben 80 Millionen Menschen, es sind also genügend potenzielle ArbeiterInnen vorhanden. Und aufgrund der geographischen Bedingungen könnte die Baumwolle direkt vor Ort angebaut werden, das spart nervige Importkosten. Der Standpunkt Äthiopien bietet einen weiteren Vorteil: Er liegt in der Nähe des Suezkanals. Dadurch wird der wichtige Absatzmarkt Europa in nur einem Drittel der Lieferzeit aus Asien erreicht.

Der äthiopischen Regierung in Addis Abbeba kommt die Ansiedelung von H&M gerade recht. Die Wirtschaft Äthiopiens wächst kontinuierlich – daran will sie festhalten. Deshalb bemüht sich die Regierung um eine stärkere Textilbranche, die eine wesentliche Quelle für das Wachstum des Landes darstellt. Sie hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2016 Textilien im Wert von einer Milliarde Dollar zu exportieren.3)

Die Regierung und der Konzern haben ihren Fokus offensichtlich auf den Profit gelegt. Diese einseitige Ausrichtung lässt befürchten, dass im Gegenzug die Einhaltung von sozialen Standards missgeachtet wird. Bilder von einstürzenden Fabrikgebäuden mit tausenden Toten in Bangladesch haben in der Vergangenheit des Öfteren die miserablen Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken großer Modeketten aufgezeigt. Auch H&M gehörte zu den Konzernen, die durch ihre profitorientierte Unternehmenspolitik Mitschuld an Arbeitsrechtsverletzungen und Sicherheitsmängeln in den Produktionsstätten trugen.4)Wenn sich die Modekette durch die Ansiedelung in Äthiopien verspricht, weiter Kosten zu sparen, fällt es schwer, an eine tief greifende Verbesserung von Arbeitsbedingungen zu glauben. Darüber hinaus hat sich H&M ein Land herausgesucht, das für seine miserable Menschenrechtslage bekannt ist. Laut einem Bericht von Human Rights Watch geht die Regierung mit aller Härte gegen die Menschen im Land vor. Sie soll ganze Dörfer gewaltsam vertrieben, Oppositionelle oder JournalistInnen gezielt verfolgt und gefoltert haben.5) Außerdem zählt Äthiopien laut dem Kinderarbeitsindex von 2012 zu den Ländern, in denen die Regierung am wenigsten gegen Kinderarbeit vorgeht.6) Die Sorge ist berechtigt: Wird Äthiopien das neue Bangladesch? H&M streitet den Vorwurf ab, sie wüssten um die Menschenrechtslage im Land, und wollten sich – wie in ihren anderen Produzentenländern – um bessere Arbeitsbedingungen bemühen.7)

Die Zukunft bringt die Antworten. Denn bisher bleibt Asien die große Textilregion, dagegen spielen die Länder der Subsahara weltweit noch keine große Rolle. Sie produzieren gerade einmal ein Prozent der weltweiten Kleider. Auch H&M wird trotz der Ansiedelung in Äthiopien seinen Standort in Asien nicht verkleinern.1) Dennoch: Die Neuorientierung findet statt, und es bleibt abzuwarten, in welchen Bahnen sie verläuft.

 

Foto: Tophu4u2

 

  1. Basler Zeitung: Afrika, das neue Nähzimmer der Welt; aufgerufen am 21.01.2014 [] []
  2. FAZ: China ist kein Billigstandort mehr; aufgerufen am 21.01.2014 []
  3. Deutsche Welle: Textile Hoffnung für Äthiopien; aufgerufen am 21.01.2014 []
  4. Süddeutsche Zeitung: Textilindustrie: Erbärmliches Geschacher nach jeder Katastrophe; aufgerufen am 22.01.2014 []
  5. BlogArena: Asien zu teuer: Billigkleider bald aus Äthiopien; aufgerufen am 21.01.2014 []
  6. Maplecroft: New Products and Analysis; aufgerufen am 22.01.2014 []
  7. Bustle: H&M plans to expand supplier place to ethiopia; aufgerufen am 22.01.2014 []

Über anila / earthlink

Im Sommer 2013 habe ich mein Abitur gemacht. Vor meinem Studium leiste ich meinen Bundesfreiwilligendienst bei EarthLink. :)

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Ein Kommentar zu H&M zieht nach Afrika weiter – Wird Äthiopien das neue Bangladesch?

  1. Nathalie sagt:

    Meiner Meinung nach wäre es wichtig die Bildung in diesem Land zu erhöhen damit diese Menschen über ihre Rechte bescheid wissen und Kinderarbeit von Jahr zu Jahr , für die Familien, weniger notwendig wird. Es sollten mehr Schulen, durch europäische Länder finanziert werden um die wichtigkeit von Bildung zu thematisieren. Somit könnte auch verhindert werden, dass wieder zahlreiche Menschen unter grausamen Bedingungen arbeiten müssen.

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