Südsudan versinkt im Chaos – Tote, Flüchtlinge, Kindersoldaten

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„Ich kämpfe wegen dem, was sie meinen Eltern angetan haben.“ Gach Chuol ist ruhig, still und sieht schüchtern zu Boden während er spricht. Wie so viele andere in seinem Alter tauschte der 13-jährige Südsudanese seine Schulbücher gegen Waffen ein. Er hat sich dazu entschlossen, sein Leben dem Krieg zu widmen um den Tod seiner Eltern zu rächen. Gach Chuol gehört der Weißen Armee an, die seit etwa vier Monaten gegen die Truppen der südsudanesischen Regierung kämpft.1)

Nach jahrelanger Kolonialherrschaft und anschließender Anbindung an den Sudan wurde die südliche Region des Landes – der Südsudan – 2011 als unabhängiger Staat erklärt und anerkannt. Auch wenn dadurch offiziell die Feindseligkeiten zwischen den beiden Nachbarländern begraben wurden, kam es nie wirklich zum Frieden. Weder zwischen den Staaten noch im Südsudan selbst. Oft eskalieren lokale Kämpfe aufgrund von Streitigkeiten um Land oder Vieh. In solchen Fällen mangelt es dem Staat häufig an finanziellen und administrativen Kapazitäten, um die Streitigkeiten zu beendigen. Die Vielzahl an unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in dem Land erschwert die Befriedung umso mehr. Schon seit Jahren fühlen sich einzelne Bevölkerungsgruppen wie die Nuer von den zahlenmäßig überlegenen Dinka unterdrückt und benachteiligt.2) Trotzallem schien der Staat durch seine Autonomie auch an Stabilität zu gewinnen – bis es Mitte Dezember letzten Jahres zu heftigen Auseinandersetzungen in der Hauptstadt Juba kam. Ursache war ein Zwist zwischen dem seit 2011 amtierenden Präsidenten Salva Kiir Mayardit und dem ehemaligen Vizepräsidenten Rieck Machar. Der Präsident beschuldigte Machar einen Putschversuch gegen ihn gestartet zu haben, was dieser jedoch vehement abstritt. Seitdem herrscht ein Bürgerkrieg im Land, der schon weit größere Ausmaße als nur die Politik angenommen hat.3)4)

Inzwischen wagen manche Wissenschaftler die Behauptung, der Krieg drehe sich nicht mehr um politische Ziele sondern um ethnische Feindseligkeiten. Fakt ist, die involvierten Politiker gehörten beide unterschiedlichen Volksgruppen an. Während Präsident Salva Kiir Teil der Dinka-Bevölkerung ist, die am meisten im Land vertreten ist gehört sein Gegenspieler, Rieck Machar, der zahlenmäßig unterlegenen Nuer-Bevölkerungsgruppe an.5) „Es ist die simpelste und gleichzeitig schlimmste Art und Weise zu demonstrieren, wie sich ein politischer Konflikt in eine ethnische Auseinandersetzung innerhalb der Gemeinden entwickeln kann“, erklärt Toby Lanzer, stellvertretender Missionsleiter. „Der Flaschengeist wurde aus der Lampe geholt und ethnische Feindeseligkeiten haben die Überhand in dem Konflikt gewonnen. Das macht es umso schwerer eine Lösung zu finden.“3)

Um den Auseinandersetzungen ein Ende zu setzen, ist es wichtig, die Gesamtsituation zu überblicken und die Komplexität des Konflikts zu erfassen. Dementsprechend ist es von Bedeutung, die Ursache für den Krieg zu finden. Im Falle des Südsudans scheiden sich in dieser Diskussion die Geister. Anders als Toby Lanzer, ist Sarah Tangen bei der Friedrich-Ebert-Stiftung im Nachbarland Uganda der Ansicht, dass es sich hier nicht um einen Konflikt zwischen den Dinka und den Nuer selbst handelt, sondern vielmehr um einen, der durch die politischen Auseinandersetzungen verursacht worden ist. „Politische Loyalitäten sind im Südsudan immer auch an ethnische Zugehörigkeiten geknüpft. Deshalb kann man diese ethnische Dimension von den politischen Rivalitäten sehr schlecht trennen“, sagt sie im Gespräch mit der DW. „Ethnische Elemente sind sehr leicht für politische und wirtschaftliche Interessen mobilisierbar und werden deshalb auch gerne missbraucht.“5)

Inzwischen bestimmt Furcht und Gewalt das gesamte Land. Mehr als zehntausend Menschen wurden ermordet, rund 1,2 Millionen sind auf der Flucht.6) Der Krieg lässt auch die Kinder, wie den Jungen Gach Chuol, nicht verschont. Bis Mitte Dezember gelang es dem Südsudan einige Erfolge in der Abschaffung von Kindersoldaten zu erzielen. Als die Eskalationen begannen, waren jedoch alle Fortschritte umsonst. Laut UNICEF und UN rekrutieren loyale Regierungstruppen, aber auch Rebellen, systematisch Kinder. Besonders die „Weiße Armee“, ein Zusammenschluss der Rebellen, ist dafür bekannt, tausende von Kindern in ihren Reihen zu haben und sie trägt den Namen „Armee der Jungen“.3) Viele der Kinder sind Waisen, haben in den letzten Monaten ihre Eltern verloren und sind nun wie besessen davon, Rache zu üben. Das Kämpfen in der Gemeinschaft schenkt den Kindern neue Perspektiven und eine Art Zugehörigkeit. Sie sind vollkommen auf sich alleine gestellt, sehr oft treten sie den Armeen deshalb freiwillig bei. 

Die Situation gerät immer mehr außer Kontrolle. Selbst Toby Lancer, der auch nach jahrelanger Berufserfahrung im Bereich der Krisenregionen stets optimistisch war, hat kaum noch Hoffnung auf eine Entschärfung der Situation. Wenn innerhalb von 100 Tagen die Zahl der Bedürftigen um mehr als eine Millionen Menschen steigt, sähe die Situation äußerst schlimm aus.7)

  1. Capital News, 17.04.14: Child soldiers battle in worsening South Sudan war – aufgerufen am 23.04.14 []
  2. Southern Sudan at odds with itself. Dynamics of conflict and predicamets of peace, 2010 – aufgerufen am 24.04.14 []
  3. Takepart, 21.04.14: U.N. stopped a Rwanda-Like Genocide, but – Bad News: Child Soldiers Are Back – aufgerufen am 24.04.14 [] [] []
  4. Southern Sudan at odds with itself. Dynamics of conflict and predicamets of peace, 2010 – aufgerufen am 24.04.14 []
  5. DW, 22.04.14: (K)ein ethnischer Konflikt – aufgerufen am 24.04.14 [] []
  6. SZ online, 25.04.14: Südsudan im Kreislauf des Todes – aufgerufen am 25.04.14 []
  7. Tagesspiegel, 25.04.14: Anzeichen eines Völkermords – aufgerufen am 25.04.14 Link nicht verfügbar 19.06.15 []

Über Franziska / earthlink

Nach 9 wundervollen Monaten bei earthlink, beende ich nun meinen Bundesfreiwilligendienst und werde noch in ein paar weitere soziale Bereiche hineinschnuppern, bis ich Oktober 2014 hoffentlich zu studieren beginne ;-)
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