Primark-billige Preise durch Kinderarbeit?

Bild: © Andrew Curtis - Wikimedia Commons

„Sumangali“ bedeutend auf Tamilisch „die glücklich verheiratete Frau“. Viele indische Mädchen träumen von einer prachtvollen und pompösen Hochzeit, jedoch haben ihre Familien meist nicht genügend Geld diese zu bezahlen. Viele junge Mädchen gehen deshalb einen teuflischen Pakt ein. Im Süden Indiens in der Region Tamil Nadu werben Textilindustrien mit dem Angebot: Drei Jahre Arbeit gegen Hochzeitsgeld. Dabei sollen sie am Ende der Vertragszeit 60.000 bis 150.000 Rupien verdienen, das entspricht 850 bis 2100 Euro. Für Dalits, die am unteren Ende des indischen Kastenwesens stehen, ist dies ein verlockendes Angebot.

Die Folgen sind ihnen dabei meist nicht bewusst. Traditionell ist eine Hochzeit in Indien ein mehrtägiges und großes Fest, welches von den Brautfamilien finanziert werden soll. Trotz des gesetzlichen Verbotes, wird meist eine hohe Mitgift verlangt. Der Traum endet für viele in sklavenähnlicher Arbeit: 200.000 Mädchen und Frauen werden in Textilfabriken in dem indischen Bundesstaat ausgebeutet. Sie müssen meist bis zu 16 Stunden am Tag und unter unwürdigen Arbeitsbedingungen schuften. Sie verpflichten sich mit Eingehen des Sumangali- Vertrages zu drei Jahren Schuldknechtschaft und Zwangsarbeit. Schwerwiegende Folgen können entstehen: Schlaflosigkeit, Atemwegserkrankungen oder Allergien und nicht selten sehen die jungen Mädchen aus Verzweiflung keinen anderen Ausweg als Selbstmord.1)

Billiganbieter sämtlicher Branchen stehen immer wieder in den Schlagzeilen. Meist handelt es sich um den Verdacht der Missachtung von Arbeits- und Gesundheitsbestimmungen. Auch das Modeunternehmen Primark wird immer wieder zum Thema „menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Dumping-Löhne“ in den Medien kritisiert. Im Juni letzten Jahres fand eine Kundin aus Belfast in einer Hose, die sie bei Primark erworben hatte, einen eingenähten Hilferuf. Darauf war eine in chinesischen Schriftzeichen verfasste Klage einer Arbeitskraft. Die Vorwürfe sind jedoch zweifelhaft.2) Im April 2013 stürzte das Rana Plaza Gebäude in Bangladesch ein. Mehr als 1.100 Menschen starben dabei. Daraufhin gab es Vorwürfe von Kinderarbeit in vier Fabriken, die in Rana Plaza produzierten. Primark soll in einer der Fabriken produziert haben.3)

Die irische Billigmode-Kette verbreitet sich auch zunehmend in Deutschland. Durch niedrige Preise für Hosen, Schuhe, Shirts oder Schmuck ist das Unternehmen insbesondere bei jungen Menschen sehr beliebt. Der Modediscounter kann sich nicht über fehlende Kundschaft beklagen- doch wie kann es sein, dass T-Shirts für zwei Euro oder Jeans für neun Euro verkauft werden können? Das Unternehmen spricht sich auf seiner Homepage darüber aus. Das Erfolgsrezept sei, sich auf Mundpropaganda und nicht auf teure Werbekampagnen zu verlassen und damit Geld zu einzusparen. Im Gegensatz zu anderen Ketten wie H&M, geben sie nur einen Bruchteil an Werbungskosten aus. Durch die Verbreitung über soziale Netzwerke übernehmen die Käufer das Marketing des Unternehmens zum Großteil selbst. Die Ausstattung der Filialen ist wie bei vielen Diskountern relativ spartanisch und zweckmäßig. Für die meisten Abnehmer zählt einfach der Preis, der zieht die Leute in Scharen an. Primark verweist darauf, dass sie ihren Umsatz über die Masse machen und versuchen ihre Gemeinkosten gering zu halten.4)

Im „Code of Conduct“ für Lieferanten, spricht sich Primark gegen Kinderarbeit und für faire Löhne aus. Auf ihrer Website erklären sie, sich nach dem Ethical Trading Kodex zu richten und sich an die Grundsätze der Bestimmungen der ILO zu halten.
Die Fabriken, in denen die Billigprodukte hergestellt werden, gehören nicht Primark, trotzdem hat das Unternehmen eine Verantwortung den Arbeitern gegenüber. Auf ihrer Homepage heißt es weiter: „We check every factory“, um sich über die Arbeitsbedingungen in den einzelnen Standorten zu versichern, würden sie jede einzeln überprüfen. So würden sie sich von der Sauberkeit und Sicherheit überzeugen. Auch, dass die Arbeiter gut behandelt und fair bezahlt werden sei ihnen wichtig.5)6)

Kritiker und Medien werfen dem Unternehmen immer wieder ausbeuterische Arbeitsbedingungen und Verstöße gegen die Menschenrechte in den Produktionsländern vor. Die Produkte, die für Primark hergestellt werden, stammen aus Ländern wie Indien, China, Bangladesch, Vietnam und Türkei.
SOMO und ICN, zwei niederländische Nichtregierungsorganisationen haben in einem Bericht mit dem Titel „Löchrige Kleider“ über den Missbrauch junger Frauen und Mädchen in der Textilindustrie in Südindien geschrieben. Dieser gibt tiefe Einblicke in die Verstöße gegen internationale Arbeits- und Menschenrechte, insbesondere in den Spinnereien in Tamil Nadu. Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft und Menschenhandel seien gängige Praxis in den Unternehmen. Die Frauen und Mädchen arbeiten viele Überstunden und werden durch die meist männlichen Aufseher kontrolliert und teilweise sexuell belästigt.
In fünf Spinnereien in Tamil Nadus haben lokale Forscher Interviews mit 151 Angestellten durchgeführt, welche zwischen 15 und 22 Jahren alt waren. Die Anstellung von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ist ein Verstoß gegen die ILO-Konvention 138. Unter anderem wurde gegen die ILO-Konvention 182 verstoßen, weil Minderjährige risikoreiche Arbeiten verrichten. Beide Konventionen wurden von Indien noch nicht ratifiziert. Die Spinnereien beliefern international bekannte Unternehmen, unter anderem die irische Billigmode-Kette Primark.

Die Studie zeigt die Verbindung zwischen indischen Spinnereien und den europäischen Einkäufern, welche üblicherweise den Konsumenten nicht offen gelegt wird. Hinsichtlich der Kontakte zwischen Produzenten und Käufern von Textilprodukten herrscht kaum Klarheit und die einfachsten Informationen werden nicht veröffentlicht. Die Transparenz fehlt also insbesondere in Bezug auf Informationen und Kontrollen der Betriebe.7)

  1. Rhein-Neckar-Zeitung: Mädchen schuften sklavenähnlich in Indiens Textilindustrie – Stand 12.03.2015 []
  2. FAZ: Hilferufe in Kleidung eingenäht – Stand 12.03.2015 []
  3. HRW: Bangladesh: Rana Plaza Victims Urgently Need Assistance – Stand 12.03.2015 []
  4. Bald auch in Bayern: Primark drängt auf den deutschen Markt – Stand 12.03.2015 []
  5. Primark: Verhaltenskodex – Stand 12.03.2015 []
  6. Primark: Ethik – Stand 12.03.2015 []
  7. Löchrige Kleider: Der Missbrauch von Mädchen und jungen Frauen in der Textilindustrie Südindiens – Stand 12.03.2015 []

Über Anja / earthlink

Durch mein Studium der Internationalen Entwicklung in Wien, habe ich viel theoretisches Wissen erlernt, welches ich nun durch die praktische Erfahrung bei earthlink erweitern und verfestigen möchte.
Dieser Beitrag wurde unter Internationales, Wirtschaft abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.