Eine Kindheit zwischen Feuer und Lehm in afghanischen Ziegelbrennereien

Bild: © Sven Dirks - Wikimedia Commons

Die Ziegelbrennereien in Kabul und Jalalabad ähneln sich in Gestalt und Ausstattung. Die Arbeitsplätze sind unterteilt in rechtwinklige Bereiche, die auf drei Seiten von einem ungefähr 50 Zentimeter hohen Wall aus Tonerde umgeben sind. Kleine Kanäle versorgen die Arbeitsbereiche mit Wasser, das in Becken aus getrocknetem Ton gesammelt wird. Dort wird der Ton mit dem Wasser vermengt, um anschließend in die Brennformen geknetet und gerollt zu werden. Der restliche Platz wird genutzt, um die Ziegel an der Sonne trocknen zu lassen.

Die Arbeiter begeben sich morgens um vier Uhr zu den Arbeitsbereichen. Kinder und Erwachsene machen sich dort an den härtesten Teil der Ziegelherstellung. Mit schweren Schaufeln oder Händen und Füßen schlagen und wenden sie große Mengen an Lehm, bis dieser geschmeidig ist und sich in Form bringen lässt. Dieser erste Schritt in der Ziegelherstellung ist zugleich auch der körperlich anstrengendste.

Ist die Masse an Lehm ausreichend gemischt, ist es die Aufgabe der jüngeren Kinder (vier bis sieben Jahre), ihn in Kugeln zu formen und diese zu älteren Arbeitern zu rollen. In zusammengekrümmter Haltung pressen Kinder und Erwachsene den Lehm in die Formen – von morgens bis abends.

Todd Huffman - Wikimedia Commons

Todd Huffman – Wikimedia Commons

Anschließend werden die schlammigen Ziegel für mindestens zwei Tage in die Sonne zum Trocknen gelegt. Dort werden sie regelmäßig gewendet und schließlich auch gestapelt, bevor sie zu den Öfen transportiert werden. Für die jüngeren Kinder endet der Aufgabenbereich hier. Die etwas älteren Kinder (sieben bis elf Jahre) verladen die schweren, sonnengetrockneten Ziegel noch auf Karren und dann beginnt der Kreislauf erneut und sie bereiten den Lehm vor, den sie am nächsten Morgen wieder schlagen werden.

Nach dem Verladen wird die weitere Produktion von erfahreneren Arbeitern übernommen. Die Ziegelsteine werden durch Schubkarren, Pferde- oder Eselkarren und Lastwagen auf breiten Verbindungsstraßen über das Gelände gekarrt. Der Transport obliegt meist den Besitzern der Esel bzw. Pferde. Das eigentliche Brennen wird meist von geübten Erwachsenen übernommen. Die Ziegel werden alle in einem Monat gebrannt. Die Brennöfen brennen dann Tag und Nacht – einen Monat lang.

Die Öfen sind kreisförmig. Auf ihnen stehen Arbeiter, die die Feuer unter ihnen unablässig mit Kohle füttern. In diesen Bereichen arbeiten ältere Kinder zwischen 16 und 17 Jahren oder Erwachsene. Den jüngeren Kindern ist es verboten, sich auf den Brennöfen aufzuhalten.

Ein großer Schornstein bläst schwarzen Rauch aus dem Ofen. Dieser Rauch und der vom Wind oder von Lastwagen aufgewirbelte Staub füllt die Luft über der gesamten Anlage und erschwert das Atmen.

Die Arbeiter leben in Hütten in unmittelbarer Nähe zu den Brennöfen. Die größten Baracken haben drei oder vier Zimmer und beherbergen bis zu 25 Personen. Für die Arbeiter gibt sehr notdürftige sanitäre Anlagen. Für den Wasserbedarf stehen zwei Brunnen mit einer Handpumpe zur Verfügung. Kinder im Alter von vier bis neun Jahren tummeln sich dort, um Wasser für die Arbeiter zu holen. In 15-Liter-Kanistern schleppen sie das Trinkwasser von Brennofen zu Brennofen.

Nur 13 Prozent der Kinder, die an den Brennöfen arbeiten, gehen in die Schule. Im Gegensatz dazu besuchen 68 Prozent der afghanischen Kinder, die nicht dieser gefährlichen Arbeit nachgehen eine Bildungsanstalt. Die meisten der Kinder an den Brennöfen gaben an, dass sie nicht in die Schule gehen könnten, weil sie Geld verdienen müssten. Doch selbst Kinder, die in den Baracken nahe der Öfen leben und die nicht arbeiten müssen, besuchen kaum eine Schule. Es gibt in ihrer Nähe einfach keine Einrichtungen. Besonders stark betroffen sind dabei Mädchen, die an den Öfen arbeiten. Durchschnittlich haben sie die Schule nicht einmal ein Jahr lang besucht.

Dazu kommt, dass es sich bei der Herstellung von Ziegeln um eine saisonale Arbeit handelt, die die Familien zum oftmaligen Umziehen zwingt. Dadurch können die Kinder nicht regelmäßig die Schule besuchen und zudem wachsen sie in einem sehr instabilen Umfeld auf.

Schutzkleidung oder Ausrüstung ist Mangelware in den Brennereien. Einige Kinder schützen ihre Füße mit Plastiksandalen. Viele von ihnen sind übersät mit Schnitten und Kratzern, die sie sich an dem Glas zugezogen haben, das dem Lehm beigemischt wird. Die großen körperlichen Anstrengungen beim Mischen, Formen und Schleppen des Lehms führen häufig zu irreparablen Schäden an Muskulatur und Wirbelsäule.

Die Verletzungen der Kinder werden nach eigenen Angaben fast nie von Fachkundigen behandelt. Häufig werden Wunden oder Schmerzen ignoriert, oder die Kinder versuchen, sich selbst medizinisch zu versorgen.

Krankenhausaufenthalte und Medikamente sind teuer für die Arbeiter der Brennereien. Verletzt sich beispielsweise ein kleines Kind, so muss es von mindestens einem Familienmitglied zum Krankenhaus begleitet werden. Das bedeutet, dass mindestens zwei Löhne der Familie fehlen. Dazu kommen die Transportkosten, die Versorgungskosten und der Ausfall nach der Behandlung. Für viele Familien unbezahlbar. In vielen Fällen helfen die Besitzer der Brennereien aus und leihen der Familie das Geld für die Behandlung. Kann das Geld allerdings nicht zurückgezahlt werden, müssen die Arbeiter ihre Schulden in der Brennerei abarbeiten.1)

  1. ILO: Breaking the mould – Occupational safety hazards faces by children working in brick kilns in Afghanistan – aufgerufen am 26.5.2015 []

Über Carolin / earthlink

Ich habe in Regensburg mein Studium der Politikwissenschaft abgeschlossen. Jetzt mache ich ein Praktikum bei earthlink, weil ich überzeugt bin, dass Aufklärung der erste Schritt in die richtige Richtung ist.

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