Indien: Sophie kann nur in ihrer Mittagspause zur Schule gehen

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Sophie ist elf Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Sisola, eine Region im Nordwesten Indiens. Sie und viele ihrer zehn Geschwister nähen Fußbälle, um die Familie finanziell zu unterstützen. Sophie arbeitet von morgens bis abends und verdient dabei 20 Rupien, umgerechnet 30 Cent. An einem Tag schafft sie zwei Bälle. Die Bälle werden an einen Großhändler verkauft, der diese dann an weitere Händler vertreibt. Auf dem europäischen Markt angekommen, kosten die Bälle ein Hundertfaches dessen, was dem elfjährigen Mädchen in Indien für die Produktion gezahlt wurde.

Der Vater sagt, dass die Familie das Geld braucht. Er selber hat keine feste Arbeitsstelle und ist deshalb auf die Mithilfe seiner Kinder angewiesen. Zur Schule kann Sophie nicht gehen, lediglich in ihrer zweistündigen Mittagspause geht sie zu einer Lehrerin namens Beena, die Kindern wie Sophie die Möglichkeit geben möchte, etwas zu lernen. Hindu, einfaches Rechnen, Lesen und Schreiben stehen auf dem Programm.

Beena hat eine ähnliche Lebensgeschichte wie Sophie. Auch sie musste im frühen Kindesalter anfangen, Bälle zu nähen, hat es aber trotzdem auf die Universität geschafft. Von einem internationalen Kinderhilfswerk unterstützt, gibt sie Kindern wie Sophie Unterricht. Sie erfährt aufgrund ihrer Arbeit viel Kritik aus dem Dorf. Die Gegend ist hauptsächlich muslimisch geprägt und viele der Dorfbewohner sind der Ansicht, dass Bildung nichts für Mädchen sei. Die Kinder jedoch lieben ihre Lehrerin und haben Spaß am Lernen.

Eine Schulpflicht für Kinder unter 14 Jahren ist zwar gesetzlich geregelt, doch die Umsetzung scheitert aufgrund mangelnder Kontrollen. Es ist ein langjähriger Prozess der Indien durchzieht. Die Kinderarbeit hat sich in den letzten Jahren verringert. Der Staat geht von ca. 4,3 Millionen Kinderarbeitern aus, im Vergleich zu 2001, wo die Kinderarbeit bei 12,6 Millionen lag, ist dies ein großer Fortschritt.1) Die Schätzungen internationaler Menschenrechtler gehen aber von weitaus höheren Zahlen aus. 20 Millionen sollen es tatsächlich sein.2)

Ein neuer Gesetzeszusatz aus dem Jahre 2012, der dem bestehenden Kinderarbeitsgesetz aus dem Jahre 1986 wahrscheinlich bald hinzugefügt wird, soll die Anzahl der Kinderarbeiter nun noch weiter verringern. Der Zusatz besagt, dass Kinder unter 14 Jahren nur in der Familie bzw. in deren Unternehmen arbeiten dürfen und nicht mehr außerhalb. Allerdings ist grade dieser Zusatz vielen Menschrechtlern ein Dorn im Auge.

Kritiker haben die Befürchtung, dass dieser Zusatz die Kinderarbeit noch verschärfen könnte. Denn weder sind die Familie noch familiäre Unternehmen in diesem Zusatz genau definiert. Das heißt, dass Kinder selbst in Unternehmen arbeiten könnten, dessen Besitzer weit entfernte Familienangehörige sind. Auch, dass die Kastenzugehörigkeit als „beinahe Familie“ angesehen wird, könnte bei der Bekämpfung von Kinderarbeit eine erschwerende Rolle spielen. Die Kinderarbeit würde also so toleriert und legalisiert werden, was befürchtetermaßen zu einem Anstieg der Kinderarbeit führen könnte.3)

Der Zusatz beinhaltet noch eine weitere gravierende Änderung des bestehenden Kinderschutzgesetzes. Kinder über 14 Jahren und unter 18 Jahren werden dort als Heranwachsende definiert und als eine eigene Gruppe mit anderen Rechten gehandhabt. Die Heranwachsenden dürfen laut dem Gesetzeszusatz auch außerhalb der Familie arbeiten. Zudem sollen die 83 Industriezweige und Arbeitsprozesse, die als „gefährlich“ eingestuft wurden, auf 4 verringert werden. Das hat zufolge, dass die Kinder öfters gefährlichen Arbeiten ausgesetzt sein würden.4)

Aufgrund der vielen Schlupflöcher und der Reduzierung der als „gefährlich“ definierten Arbeiten steht der Zusatz international unter Kritik.

  1. Labour.Gov: Census 2001-2011; nicht mehr verfügbar – aufgerufen am 25.09.2015 []
  2. DasErste: Indien: Kinderarbeit – Fußbälle nähen statt Schule – aufgerufen am 25.09.2015 []
  3. Youtube: Law of the Land – The child labour Amendment – aufgerufen am 25.09.2015 []
  4. Paranjoy: Why the child labour laws should not be amended – aufgerufen am 25.09.2015 []
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