Die Server unserer Universitäten werden unter Zwangsarbeit hergestellt

Bild: © Steve Jurvetson - Wikimedia Commons

Ein Schüler mit dem Hauptfach Kunst wird als Praktikant in eine Fabrik geschickt, um dort iPhones und Server herzustellen – ansonsten erhält er kein Abschlusszeugnis.1) Dort muss er für 10-12 Stunden täglich schuften, oft ohne Pausen, bis zu fünf Monate lang. Nachtschichten sind keine Seltenheit. Das stellt nach dem Bericht „Servants of Servers“ von der NGO DanWatch keinen Einzelfall dar. Jeden Sommer arbeiten zehntausende chinesische Schüler und Studenten in IT-Fabriken der Weltmarken wie HP, Dell und Apple.2)  Viele von ihnen werden zu den Praktika gezwungen. Wenn sie aufhören wollen, droht ihnen die Verweigerung des Schulabschlusses.3)

Der Report der dänischen Menschenrechtsgruppe untersucht die Zulieferkette europäischer Universitäten, die ihre Server meist von HP, Dell oder Lenovo kaufen. Diese Unternehmen lassen die Server zum Beispiel von der Wistron Corporation in Zhongshan produzieren. Dort arbeiten chinesische Studenten gegen ihren Willen.2)

Die Schüler berichten, dass die Schulen Geld dafür erhalten, sie im Rahmen eines Praktikums als Arbeitskraft in der Firma einzusetzen. Lehrer begleiten das Praktikum, um zur harten Arbeit zu ermutigen. Ein Mädchen erklärt, dass keiner von ihnen hier sein will und sie alle deprimiert sind. Diejenigen, die andere Praktikas in Aussicht hätten, würden von der Schule angewiesen, diese aufzugeben und stattdessen in der Wistron Corporation zu arbeiten.4)

Die erzwungenen Praktika sind in vielerlei Hinsicht rechtswidrig: Das chinesische Gesetz schreibt vor, dass Praktika relevant für die Richtung für die gewählte Ausbildung sein müssen. Außerdem wird damit die ILO-Konvention zur Zwangsarbeit verletzt. Dazu ein Experte für das chinesische Gesetz: „Es ist de facto Zwangsarbeit, wenn Schüler und Studenten dazu gezwungen werden, als Praktikanten in Elektrik-Firmen zu arbeiten, um ihre Ausbildung abschließen zu können.“ Die Studenten verrichten die gleichen Arbeiten wie ein regulärer Arbeiter. Während sie den selben Lohn erhalten – etwa 216 Euro monatlich – empfangen sie weder Sozialleistungen noch Versicherungen, was den Unternehmen einen größeren Gewinn ermöglicht.

Die drei untersuchten Unternehmen haben Richtlinien zur sozialen Verantwortung unterschrieben und sind Mitglieder der Electronic Industry Citizenship Coalition, die sich für die Einhaltung von sozialen Standards für Arbeiter einsetzt. Bei der Konfrontation mit den Vorwürfen durch DanWatch reagierten HP und Dell mit unangekündigten Prüfungen der Arbeitsbedingungen in der Wistron Corporation. Während beide den Vorwurf der Zwangsarbeit abstreiten, entdeckten sie Missstände – wie Nachtschichten bei Praktikanten – und gaben an, dagegen Schritte einzuleiten. Zeitweise soll die Verwendung von Praktikanten als Arbeitskraft eingestellt werden. Maßnahmen wie unangekündigte Prüfungen durch Dritte und die Verpflichtung der Zulieferer, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, sollen nachhaltig durchgesetzt werden. Auch Lenovo kündigte an, die Zulieferkette genauer zu überprüfen.2)

Diese Maßnahmen sind durchaus positiv zu bewerten, da den Vorwürfen nicht nur Lippenbekenntnisse und Bedauern der Zustände, sondern auch Taten folgen. Allerdings sind Erkenntnisse über Missstände in der Elektronik-Industrie wie die dargestellten durchaus nicht neu. 2013 wurde ein Zulieferer des Unternehmens Dell bezichtigt, Minderjährige zu beschäftigen, deren Arbeitsrechte massiv missachtet wurden.5) Somit ist es zwar begrüßenswert, dass die Unternehmen aktiv handeln, wenn sie mit den Missständen konfrontiert werden. Auf der anderen Seite zeigen die Untersuchungen auch, dass in der Elektronikindustrie allgemein von massiven Mängeln in Bezug auf Arbeitsrechte ausgegangen werden muss – auch wenn sich die Unternehmen deutlich dagegen aussprechen. Der aufgedeckte Skandal ist damit wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs.

2013 wurde ein ähnlicher Fall bei einem Zulieferer von Apple, Foxconn, publik. Ein 16-Jähriger berichtete, dass er zu einem Praktikum in der Firma gezwungen wurde. Dabei musste er stundenlang im Stehen arbeiten. Um auf die Toilette zu gehen oder Wasser zu trinken, brauchte er eine Erlaubnis. Er berichtete, dass er gerne aufhören würde. Allerdings könne er nur mit dem Praktikum seinen Schulabschluss erreichen. Im Oktober 2010 schätzte Foxconn, dass 15 Prozent der Arbeitskräfte durch Schüler und Studenten gedeckt wurde. Auch Samsung wurde im Zeitraum 2012-2014 wiederholt vorgeworfen, dass bei seinen Zulieferern sowohl Kinderarbeit als auch die Ausbeutung der Arbeitskraft von Schülern festgestellt wurde.6)

Als Schüler in einer Fabrik über Bauchschmerzen und Atemwegsprobleme klagten und die Sicherheit des Arbeitsplatzes hinterfragten, antwortete ein Lehrer: „Denkt doch mal an die Selbstlosigkeit der Wissenschaftler und Mediziner bei der Fukushima-Katastrophe.[…] Wir alle sollten für das Wohl der Menschheit eine solche Verpflichtung auf uns nehmen“.1) Das Wohl der Menschheit bedeutet in dem Fall anscheinend das Wohl europäischer Studenten, die die Server in den Universitäten benutzen und das der Verbraucher: Diese können sich immer öfter über neue, praktische Gadgets auf dem Markt freuen.

  1. The Guardian: Forced student labour is central to the Chinese economic miracle – zuletzt aufgerufen am 20.10.2015 [] []
  2. The Guardian: HP and Dell suspend use of interns in Chinese factories – zuletzt aufgerufen am 20.10.2015 [] [] []
  3. DanWatch: Servants of Servers: Chapter 1 – zuletzt aufgerufen am 20.10.2015 []
  4. DanWatch: Servants of Servers: Chapter 2 – zuletzt aufgerufen am 20.10.2015 []
  5. Mac Daily News: Dell suppliers accused of human rights violations in China – zuletzt aufgerufen am 31.01.2017 []
  6. China Labor Watch: Another Samsung supplier factory exploiting child labor – zuletzt aufgerufen am 20.10.2015 []

Über hannah / earthlink

Hallo da draußen, im Jahr 2015/16 begleit ich earthlink als Bundesfreiwillige. Neben Recherchearbeiten und dem Schreiben von Artikeln gehört auch das Blumengießen zu meinen speziellen Befähigungen. Auf euch als Interessenten, Sympathisanten und Diskutanten von earthlink frei i mi!
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