Brasilien: Drei Millionen Mädchen minderjährig verheiratet

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Brasilien belegt weltweit den vierten Platz beim Schließen von Kinderehen. Mehr als 30 Prozent der Frauen sind bei ihrer Hochzeit unter 18 Jahre alt – damit liegt Brasilien hinter Südasien, Westafrika und Afrika südlich der Sahara.

Grund für die Heirat in jungen Jahren ist oft die Flucht vor häuslicher oder sexueller Gewalt und Drogenmissbrauch im familiären Umfeld. Mit Zustimmung der Eltern kann eine Brasilianerin rechtlich gesehen im Alter von 16 Jahren heiraten, unter bestimmten Umständen auch früher – beispielsweise wenn eine Schwangerschaft vorliegt. Obwohl auch einvernehmliche sexuelle Aktivitäten unter 14 Jahren gesetzlich verboten sind, liegt das Alter der Bräute in ganz Lateinamerika hauptsächlich zwischen 13 und 18 Jahren. Männer sind bei der Hochzeit laut denselben Studien zwischen 24 und 60 Jahre alt. Junge Frauen seien attraktiver und leichter zu kontrollieren, gaben sie als Gründe für ihre Hochzeit mit einem Mädchen an.

Aufgrund mangelnder konkreter Daten handelt es sich bei den Angaben verschiedener nationaler und internationaler Organisationen um Schätzungen. Demnach hätten über 877.000, ca. 11 Prozent der brasilianischen Frauen, bereits im Alter von 15 Jahren geheiratet, rund 3 Millionen Frauen vor ihrem 18. Lebensjahr. Etwa 88.000 Mädchen und Jungen seien im Alter von 10 bis 14 zwangsverheiratet worden.1)

Im Jahre 2013 wendet sich die erst elfjährige Kinderbraut Nada Al Ahdal aus dem Jemen über ein Video im Internet an die Öffentlichkeit. Sie flüchtet vor der Zwangsverheiratung mit einem älteren Mann zu ihrem Onkel und macht auf das weit verbreitete Leid der Kinderehe aufmerksam: „Was ist mit der Unschuld der Kindheit? Was haben die Kinder falsch gemacht? Warum verheiratet ihr sie auf diese Weise?“, fragt sie in die Kamera. Das junge Mädchen betont die Unwissenheit und Unschuld betroffener Kinder, die fehlende Bildungsmöglichkeit, erwähnt Selbstmorde aus Verzweiflung. „Ich bin tot besser dran“, sagt sie, „Ich würde lieber sterben.“ Obwohl Nada zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits keine Zwangsheirat mehr gedroht haben dürfte, sprechen Wut und Angst aus ihr. „Welche Art von Menschen bedroht ihre Kinder so? Würde es dich glücklich machen, mich gegen meinen Willen zu heiraten? Dann los, heirate mich. Ich werde mich umbringen.“2)

Entgegen der Annahme, Kinderheirat existiere nur in den ländlichen Gebieten, ist sie auch in den Städten und sogar Landeshauptstädten weit verbreitet. Im Gegensatz zu Südasien und Afrika, wo es sich bei Kinderheirat um ein „formales Ritual“ handelt, bezeichnen Forscher diese in Lateinamerika als „meist informell und konsensuell“.3)

Nicht nur für sich genommen stellt Kinderheirat ein Problem dar. Sie bildet unter anderem eine Fortschrittsbremse für sechs der acht Millenniumsziele, welche im Jahre 2000 von den UN beschlossen wurden. Die Kinder- und Müttersterblichkeit zu verringern, die Bekämpfung von HIV/AIDS, die Beseitigung extremer Armut, Grundschulbildung für alle sowie die Gleichstellung von Mann und Frau zu erreichen – all das wird von Kinderheirat vereitelt. So sterben in ärmeren Ländern Babys von minderjährigen Müttern mit einer um 60 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit im ersten Lebensjahr, als Kinder älterer Frauen. Ebenso ist die Wahrscheinlichkeit, während Schwangerschaft und Geburt zu sterben, bei Mädchen unter 15 Jahren fünfzehnmal so hoch wie bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren. Kinderbräute tragen darüber hinaus, aufgrund von Informationsmangel und der fehlenden Möglichkeit zur Aushandlung sicherer Sexualpraktiken, ein wesentlich größeres Risiko der HIV-Infektion. Auch wird in Gesellschaften, in denen Mädchen normalerweise jung verheiratet werden, weniger in deren Bildung investiert. Kaum verwunderlich angesichts der erhöhten Wahrscheinlichkeit eines Schulabbruchs bei minderjährigen Bräuten, um sich der Kindererziehung und häuslichen Pflichten widmen zu können. Somit bleibt auch das Problem der Armut, welche oft den Anlass für Kinderheirat darstellt, weiterhin bestehen: Kinder von jungen und ungebildeten Müttern schneiden selbst in der Schule wesentlich schlechter ab. Jene Kinder sehen sich aufgrund dadurch bedingter Armut häufig wiederum gezwungen, ihre eigenen Kinder jung zu verheiraten. Es entsteht ein Teufelskreis aus Kinderheirat und Armut.4)

Ebenso vielfältig wie ihre Folgen sind auch die Ursachen von Kinderheirat. Armut, ein geringer Bildungsstand, Traditionen und die Notwendigkeit von Reinheit sind Gründe für eine derartige Entscheidung. Diese könnten durch Aufklärung und Bildung, finanzielle Unterstützung sowie Gesetze gegen Kinderehen bekämpft werden.5)

„Kinderheirat ist ein Beweis für den Mangel an Chancengleichheit von Frauen in Bezug auf Bildung und Beschäftigung. Sie heiraten mit der Erwartung, dass ihr Leben besser sein wird und sie mehr Unabhängigkeit erlangen. Diese Erwartung wird in der Regel nicht eingehalten/erfüllt.“ so Alice Taylor, Studien-Autorin empirischer Sozialforschung über Kinderehen in Brasilien.

In Entwicklungsländern wird eines von sieben Mädchen verheiratet, bevor es 15 Jahre alt ist.6)

  1. latina-press.com: Kinderheirat in Lateinamerika: Brasilien belegt weltweit den vierten Platz – Stand 18.05.2016 []
  2. youtube.com: Nada Al Ahdal, 11 jährige Jemenitin – Stand 18.05.2016 []
  3. latina-press.com: Kinderheirat in Brasilien: Flucht vor sexueller und häuslicher Gewalt im familiären Umfeld – Stand 18.05.2016 []
  4. welt.de: Die Kinderheirat bremst den Fortschritt – Stand 18.05.2016 []
  5. euraktiv.de: Infografik: 700 Millionen zerstörte Kindheiten – Stand 18.05.2016 []
  6. latina-press.com: Kinderheirat in Brasilien: Flucht vor sexueller und häuslicher  Gewalt im familiären Umfeld – Stand 18.05.2016 []
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