Malawi: Internationale Tabakkonzerne nutzen Abhängigkeit des Landes aus

[vc_row row_type=“row“ use_row_as_full_screen_section=“no“ type=“full_width“ angled_section=“no“ text_align=“left“ background_image_as_pattern=“without_pattern“ background_color=“#ffffff“ border_color=“#ffffff“ css_animation=““][vc_column][vc_column_text]Das Wohl Afrikas liegt im Interesse westlicher Industrienationen. Ein Grund dafür dürften auch die steigenden Flüchtlingszahlen sein. So kamen von Januar bis September 2016 mit 128.000 Afrikanern rund fünf Prozent mehr Flüchtlinge aus dieser Region über Italien nach Europa.1) Doch auch wirtschaftliche Interessen beeinflussen das Verhältnis zum afrikanischen Kontinent. Beispielhaft zeigt sich dies etwa an der Tabakindustrie, welche mit dem Anbau der Pflanzen in Malawi ihren Anfang nimmt.

Der kleine Staat im Südosten von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und ist zugleich der größte Tabakproduzent des afrikanischen Kontinents.2) Während der Erntezeit müssen daher in Malawi alle Familienmitglieder helfen. Auch Kinder im Grundschulalter arbeiten dann auf den Plantagen. Diese Tätigkeit ist jedoch mit großen gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden, denn neben den hochgiftigen Pestiziden stellt auch die giftige Tabakpflanze selbst eine Gesundheitsbedrohung dar. So wird das Nikotin bei der Ernte – aufgrund der meist fehlenden Arbeitsschutzbekleidung – ungehindert über die Haut aufgenommen. Viele Arbeiter, insbesondere Kinder und Frauen, haben daher Anzeichen einer Nikotinvergiftung. Sie leiden unter Atemnot, Husten, Kopf- und Bauchschmerzen, Muskelschwäche und teilweise sogar bleibenden Nerven- und Hirnschäden. Einer amerikanischen Studie zu Folge nimmt ein Kind, das ohne Schutzkleidung auf einer Tabakplantage arbeitet, täglich bis zu 54 Milligramm Nikotin über die Haut auf. Das ist so viel, als hätte es 50 Zigaretten geraucht.3)

Malawis Hauptstadt Lilongwe erwirtschaftet 70 Prozent seiner Deviseneinnahmen allein durch den Tabakexport und ist damit höchst abhängig von den getrockneten, nikotinreichen Blättern. Etwa 400 Millionen Dollar nimmt Malawi jedes Jahr aus dem Export von Rohtabak ein. (( Süddeutsche Zeitung: Das blutige Geschäft mit den Tabak-Sklaven; Artikel vom 18.06.16 )) Zum Vergleich lag der Umsatz der Tabakindustrie durch Zigaretten in Deutschland 2014 bei knapp 20,5 Milliarden Euro,4) denn das verarbeitete Produkt lässt sich wesentlich lukrativer vermarkten als das Rohmaterial.

Die große wirtschaftliche Abhängigkeit Malawis von nur einem einzigen Produkt gefährdet allerdings die Stabilität des Landes. So lösten zu geringe Exporteinnahmen 2011 eine schwere wirtschaftliche und politische Krise aus.5) Denn eine rasche Folge fehlender Gewinne durch den Tabakanbau besteht im Zusammenbruch von Bildungs- und Sozialprogrammen sowie der einbrechenden Versorgung mit Nahrungsmitteln und Treibstoff.6) Neben verheerenden Überschwemmungen und Dürreperioden, welchen das Land immer wieder ausgesetzt ist, beeinträchtigt auch die Wirtschaftspolitik internationaler Tabakkonzerne die finanzielle Lage Malawis. Eine Überproduktion im Land und betrügerische Preisabsprachen zwischen multinationalen Unternehmen wie „Alliance One“, welches malawischen Bauern den Rohtabak abnimmt und an Zigarettenhersteller wie British American Tobacco und Philip Morris weiterverkauft, (( Süddeutsche Zeitung: Das blutige Geschäft mit den Tabak-Sklaven; Artikel vom 18.06.16 )) führen seit Jahren zu stark schwankenden und tendenziell sinkenden Gewinnen. Darunter leiden vor allem unabhängige Kleinbauern und Pächterfamilien großer Plantagenbesitzer, welche oft ein Leben in Schuldknechtschaft fristen. (( Sozialistische Zeitung: Die Bedingungen des Tabakanbaus in Malawi; Artikel vom 01.12.09 )) So ist ein Viertel der Bevölkerung Malawis chronisch mangelernährt. Bleibt die Ernte aus oder brechen die Gewinne ein, haben die Menschen häufig keine Mittel, um ausreichend Nahrung zu erwerben. Der Tabakanbau verschärft diese Situation. Denn wo Tabak wächst, ist kein Platz für den Anbau von Nahrungsmitteln.4)

Hinzu kommt, dass für den Anbau und die Produktion von Tabak eine massive Abholzung von Wäldern stattfindet. Waldstücke werden gerodet, um neue Anbauflächen zu schaffen und Feuerholz für das Trocknen der Tabakblätter zu gewinnen. Jedoch gilt die Tabakpflanze als besonders schädlich. Sie entzieht dem Erdreich deutlich schneller und mehr Nährstoffe als alle anderen Nahrungs- und Nutzpflanzen, sodass die Fruchtbarkeit des Bodens rapide abnimmt. Die so verursachte  Zerstörung äußert sich sogar im Absinken des Grundwasserspiegels. Beim Tabakanbau werden außerdem große Mengen an Pestiziden eingesetzt. Diese belasten ebenfalls den Boden und kontaminieren die lokalen Wasserressourcen. Die Tabakmonokulturen fördern darüber hinaus den Verlust der Biodiversität, da Nahrungsketten und Lebensräume zerstört und die einheimische Pflanzen- und Tierwelt verdrängt werden.4)

Im Jahr 2007 führte die malawische Regierung Mindestpreise für Tabak ein, um zumindest die Deckung der Investitionskosten sicherstellen zu können. Doch aufgrund des hohen Angebots von Tabak auf dem Weltmarkt begannen die Großkonzerne in anderen Ländern zu günstigeren Preisen einzukaufen. Die staatliche Maßnahme blieb also erfolglos. Eine Möglichkeit, um die daraus resultierende Armut, welche oft Menschen in die Flucht treibt, im Land zu verringern, könnte hingegen in der Diversifikation des Agrarsektors bestehen, sodass auch andere Exportgüter zur Verfügung stehen, welche Schwankungen der Rohtabakpreise ausgleichen würden.5)

Der Tabakanbau geht jedoch bis heute in den meisten produzierenden Ländern mit Armut, Verschuldung, ökonomischer Abhängigkeit, Kinderarbeit und Umweltzerstörung einher. Zugleich stellt die Tabakindustrie aber häufig einen unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor dieser Länder dar. Eine Eindämmung dieses Wirtschaftszweiges würde also zu schweren sozialen und ökonomischen Krisen innerhalb dieser Staaten führen, deren Bevölkerung oft alternativlos in diesem Sektor tätig ist. Die westlichen Rohtabakfirmen, welche schon seit Jahren wegen Kartellbildung und Preisabsprachen in der Kritik stehen, haben also gute Chancen weiterhin Profite erwirtschaften zu können,7) während es der malawischen Bevölkerung nach wie vor an ausreichendem Essen, sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung, adäquater Unterkunft und fairer Bezahlung mangelt.5)[/vc_column_text][vc_empty_space][/vc_column][/vc_row]

  1. Tagesspiegel: Fluchtursache Handelspolitik; Artikel vom 30.10.16 []
  2. Sozialistische Zeitung: Die Bedingungen des Tabakanbaus in Malawi; Artikel vom 01.12.09 []
  3. Süddeutsche Zeitung: Das blutige Geschäft mit den Tabak-Sklaven; Artikel vom 18.06.16 []
  4. Netzfrauen: Zementieren Entwicklungsgelder Malawis Tabak-Problem? Entwicklungsgeld für blauen Dunst?; Artikel vom 06.01.16 [] [] []
  5. Unfairtobacco: Länderprofil Malawi; Artikel vom 12.10.12 [] [] []
  6. Unfairtobacco: Das braune Gold ist nichts mehr wert – Pressemitteilung; Link nicht mehr verfügbar []
  7. Unfairtobacco: Das braune Gold ist nichts mehr wert – Pressemitteilung; Link nicht mehr verfügbar []

Über Verena / earthlink

Ich studiere Politik- und Verwaltungswissenschaften im Master und bin nun für 6 Wochen Praktikantin bei Earthlink. Ich freue mich besonders mich in dieser Zeit intensiv mit aktuellen entwicklungspolitischen Themen zu beschäftigen und mich hierfür sozial zu engagieren.
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