Weltweit können 617 Millionen Kinder weder lesen noch schreiben

Klassenzimmer in Nigeria

Millionen Kinder, die unterernährt oder krank sind, die aus ärmsten Familien stammen und neben der Schule hart arbeiten müssen, haben von Anfang an schlechte Lernchancen. Bild: © Fizzr [CC BY-NC 2.0] - Flickr

„Bildung überwindet Armut“ – so lautet das Motto der österreichischen Hilfsorganisation Jugend Eine Welt. Anlässlich des Weltarmutstages weist die Organisation auf den neu veröffentlichten World Development Report der Weltbank und des UN-Statistik-Institutes (UIS) hin, welcher sich mit Bildung und Lernen befasst. Die Ergebnisse des Berichts sind besorgniserregend: Weltweit können 617 Millionen Kinder trotz mehrjährigen Schulbesuches weder lesen noch schreiben und sind nicht in der Lage einfache mathematische Aufgaben zu lösen.1)2)

Seit 2008 gehen in vielen Ländern mit niedrigem Einkommen fast genauso viele Kinder in die Grundschule wie in Ländern mit hohem Einkommen. Jedoch weist die Qualität der Lehre dort häufig erhebliche Defizite auf. Kinder beherrschen trotz Beendigung der Grundschule viele Basiskompetenzen nicht. Mehr als 85 Prozent der Zweitklässler in Malawi, Indien und Ghana können einfache Worte wie „der“ oder „Katze“ nicht entziffern. Drei Viertel der Drittklässler im ländlichen Indien haben große Probleme damit, Subtraktionen mit zweistelligen Zahlen wie 38 – 12 zu bewältigen. Obwohl nicht alle Entwicklungsländer mit so extremen Mängeln zu kämpfen haben, sind viele weit unter dem von ihnen angestrebten Niveau. Besonders benachteiligt sind Kinder in Subsahara-Afrika. Mehr als 80 Prozent der jungen Menschen dort haben beim Eintritt ins Erwachsenenalter keine ausreichenden Grundkenntnisse im Lesen und Schreiben – in Europa sind es „nur“ 14 Prozent.2)

„Alle diese Kinder sind in besonderem Ausmaß armutsgefährdet, mit schlimmen Auswirkungen für die Gesellschaften, in denen sie leben“, erklärt Jugend Eine Welt-Geschäftsführer Reinhard Heiserer. Angesichts dieser Bildungskrise seien Investitionen in qualitätsvolle Bildung ein Gebot der Stunde, auch in Bezug auf die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Diese fordern alle Staaten der Welt dazu auf, bis 2030 eine gute Lehrerausbildung und Bildungsqualität sicherzustellen.3)

Die Ursachen für die prekäre Bildungssituation sind verschieden. „Millionen Kinder, die unterernährt oder krank sind, die aus ärmsten Familien stammen und neben der Schule hart arbeiten müssen, haben von Anfang an schlechte Lernchancen. Beispielsweise mussten unsere Projektpartner in Haiti ein Ausspeisungprogramm starten, da viele Kinder mit leerem Magen in die Schule kamen – so war sinnvolles Lernen nicht möglich“, berichtet Heiserer.

Die angesprochene Kinderarbeit ist nach wie vor ein großes Problem. 152 Millionen Kinder sind weltweit Opfer von Kinderarbeit, davon 134 Millionen in Asien und Afrika. In Ländern wie Bangladesch, Myanmar, Indonesien und der Demokratischen Republik Kongo lassen viele westliche Konzerne weiterhin Kinder für sich arbeiten – unter anderem Primark und die Modekette H&M. Schwedische Autoren hatten in ihrem Buch „Modesklaven“ die Zustände bei Zulieferern von H&M in Myanmar kritisiert. Recherchen ergaben, dass Mädchen dort bis zu 14 Stunden am Tag für den Modekonzern Kleidung nähen müssen.4) Viele Familien benötigen das zusätzliche Einkommen der Kinder, um das Überleben zu sichern. Ein Schulbesuch ist daher oft unmöglich und somit wird den Kindern jegliche Chance genommen, ihre Situation durch den Zugang zu Bildung zu verbessern.

Wir als Konsumenten stehen somit auch in der Verantwortung. Fehlende Bildungsmöglichkeiten, Perspektivlosigkeit und die nicht zu überwindende Armut sind unter anderem Gründe, weswegen die Menschen aus Subsahara-Afrika und Asien fliehen. Durch den Kauf von Waren, welche von Kindern produziert werden, fördern wir nicht nur deren Ausbeutung, sondern sind auch mitverantwortlich dafür, dass den Kindern ein Schulbesuch verwehrt wird. Infolgedessen haben die Menschen in den betroffenen Ländern keine Chance, sich selbst zu helfen. Es ist daher wichtig, Maßnahmen zu ergreifen, um gegen Kinderarbeit vorzugehen. Diese müssen auf das jeweilige Umfeld und die Situation der arbeitenden Kinder zugeschnitten sein. Zu den Maßnahmen zählen unter anderem verbesserte Bildungsprogramme und eine Steigerung des Einkommens der Eltern. Die westlichen Unternehmen passen ihre Arbeitsbedingungen häufig an den rechtlichen Rahmen im Produktionsland an. H&M beispielsweise berief sich damals darauf, dass es in Myanmar erlaubt sei, Kinder ab 14 Jahren in Fabriken arbeiten zu lassen. Daher sollten sich auch die Unternehmen ihrer Verantwortung nicht entziehen. Mit mehr Transparenz in Bezug auf die Zulieferer und länderspezifischen Maßnahmen zur Implementierung von anständigen Arbeitsbedingungen könnte Kinderarbeit entgegengetreten werden. Sind die Eltern in der Lage, den Lebensunterhalt der Familie ohne die Unterstützung der Kinder zu bestreiten, müssen Jungen und Mädchen gar nicht erst anfangen zu arbeiten.

  1. Entwicklungspolitik Online: Weltarmutstag. 617 Millionenen Kinder wegen mangelhafter Schulbildung von Armut bedroht; 17.10.2017 []
  2. The World Bank: Learning to Realize Education´s Promise; Stand vom 18.10.2017 [] []
  3. Jugend Eine Welt: Weltarmutstag: Jugend Eine Welt fordert mehr Investitionen in Bildungsqualität; 17.10.2017 []
  4. Spiegel Online: Studie wirft H&M Kinderarbeit vor; 06.02.2017 []

Über Lara / earthlink

Ich studiere Soziologie und Rechtswissenschaften an der LMU in München.
Durch meine Arbeit bei earthlink möchte ich auf entwicklungs- und umweltpolitische Themen aufmerksam machen.

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