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DR Kongo: Deutsche Automobilindustrie profitiert von Ausbeutung und Kinderarbeit

aktiv gegen kinderarbeit |  Bild:  © earthlink e.v.

aktiv gegen kinderarbeit | Bild: © earthlink e.v.

Der neue Amnesty-International-Bericht über die Demokratische Republik Kongo zeigt die Missstände von 29 Konzernen auf, die unter anderem beim Kobaltabbau von Kinderarbeit profitieren und somit der Ausbeutung eines der ärmsten Länder weltweit die Spitze des Eisberges verleihen. Denn im Staat werden ohnehin schon Machtkämpfe von verschiedenen Milizen um die Vorherschaft der seltenen Erden ausgetragen, die zu dem jetzigen blutigen Bürgerkrieg in verschiedenen Landesteilen führten. Außerdem braucht die EU, insbesondere Deutschland, das im internationalen Wettbewerb mithalten will, den Rohstoff Kobalt, um die Elektromobilität auszuweiten. Die Konflikte werden durch diese Tatsachen nur noch mehr befeuert. Und eine drohende Gefahr von Engpässen bzw. einer Rohstoffknappheit durch den zukünftigen weltweiten Bedarf an Kobalt gibt Grund zur Sorge um die Art des weiteren Vorgehens der Automobilhersteller. 1) 2) 3)

Laut Amnesty International verletzen sämtliche Automobilkonzerne, darunter BMW, Daimler und Volkswagen, die UN-Kinderrechtskonvention. Die Organisation setzt hiermit mit dem Bericht ihre Vorwürfe von Anfang 2016 fort, als sie schon damals vor den menschenverachtenden Zuständen warnte. Die Konvention verbietet ausdrücklich Kinderarbeit, da sie gefährlich und unnötig ist. Jedoch ignorieren die Großkonzerne die Gesetze und lassen Kinder schuften. So riskieren in den Kobalt-Minen des Kongo, aus denen 60 Prozent des weltweiten Kobaltbedarfs gedeckt wird, schon siebenjährige Kinder ihre Gesundheit und damit ihr Leben. Zwar habe sich BMW „in einigen Aspekten“ verbessert, doch bei Daimler und Volkswagen bewertet die Menschenrechtsorganisation die Mängel als „erheblich“. Das Metall wird vor allem für Batterien gebraucht. Aber auch für bestimmte Metalllegierungen, Katalysatoren und Magnete wird es eingesetzt. 2016 schätzte Amnesty International die Zahl der dort arbeitenden Kinder auf bis zu 40.000. 1) 4) 5)

Aufgrund dieser Verwicklungen der deutschen Unternehmen fordert die Menschenrechtsorganisation von der künftigen Bundesregierung „endlich verbindlich die Einhaltung von Sorgfaltspflichten vorzuschreiben“ und dieses Thema bei den jetzigen Sondierungen einer Regierungskoalition ganz weit oben anzusetzen. Um künftig Menschenrechtsverletzungen zu verhindern, ist eine konsequente Überprüfung der Lieferketten unumgänglich. Denn bei den Automobilherstellern mangele es einfach zu sehr an Transparenz, und bei den restlichen 26 Konzernen sieht es da nicht anders aus. Dementsprechend können alle Käufer von zum Beispiel Smartphones, Laptops und eben auch E-Autos deshalb unwissentlich Kinderarbeit fördern. Da dies der Fall ist, appelliert die Organisation an alle kobaltverarbeitenden Unternehmen der Welt, ihre menschenrechtliche Sorgfaltspflicht zu erfüllen. Sie erinnerte entsprechend an die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sowie die Leitsätze der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für Minerale. Diese Standards sind unbedingt von den Firmen einzuhalten, und zwar von der Mine über die Verhüttung bis hin zur Produktionsstätte. 1)

Die Sorgen sind sehr groß, vor allem die von Seiten der deutschen Automobilkonzerne und Co. Um auch in der Zukunft international konkurrenzfähig sein zu können, muss man gute Importe von Kobalt (und anderen Erden) erzielen. Da weltweit der Bedarf an effizienten Energiespeichern für Elektroautos immer weiter steigt, steigt auch auch die Nachfrage des für diese Technologien verwendeten Kobalts. Experten schätzen, dass die Nachfrage im Jahr 2025 bei etwa 155.000 Tonnen liegen wird, was deutlich mehr als die derzeitige Jahresproduktion von 130.000 Tonnen ist. Die deutsche Industrie sieht aufgrund dieses Umstandes die deutsche Wirtschaft auf dramatische Rohstoff-Engpässe zusteuern. 4)

Matthias Wachter, Rohstoffexperte beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sagt: „Die Gefahr von Engpässen bei der Rohstoffversorgung steigt. Denn der Bedarf wächst schneller als die Kapazitäten bei der Förderung. Ohne eine ausreichende Versorgung beispielsweise mit Kobalt, Graphit, Lithium oder Mangan wird es keine Zukunftstechnologien „Made in Germany“ geben.“ Es ist also ein internationaler Machtkampf. Die Konkurrenz um Kobalt könnte aber bald auch innerhalb der deutschen Firmen vonstattengehen. Doch wie kann man den Abbau von Kobalt umweltfreundlich gestalten und gleichzeitig international führend agierend sein? Das wirft die Frage auf, wie die deutschen Konzerne vorgehen werden. Darüber kann man nur spekulieren und hoffen, dass der richtige Weg, der Weg der Nachhaltigkeit, eingeschlagen wird. Beispielsweise betonte Daimler, dass alle Lieferanten vertraglich hohe Anforderungen an Arbeitsbedingungen sowie Sozial- und Umweltstandards erfüllen müssten und dass man die laufenden Prozesse und Maßnahmen prüfen wird. Ob die Firma dies jedoch einhält, ist eine Frage für sich. Daimler-Sprecherin Silke Mockert sagte dazu: „Wir nehmen die im Bericht von Amnesty International genannten Themen sehr ernst“. Wie die anderen 29 Unternehmen handeln werden, bleibt noch komplett offen. Zwar gebe es auf der Erde reiche Vorkommen an Kobalt, allerdings seien nur wenige Länder bereit, diesen Rohstoff  abzubauen, weil dies mit erheblichen Umweltbelastungen im eigenen Land verbunden ist. Eine sehr fatale Ausrede aus der Verantwortung. 4) 6) 7)

Bis die versprochenen nachhaltigen Maßnahmen greifen, wird noch viel Zeit vergehen und die Demokratische Republik Kongo wird weiterhin ausgebeutet werden, auch weil verschiedene Milizen sich an den Resten des Kobaltabbaus für ihren eigenen Machtausbau vergreifen und die Bevölkerung durch den aktuellen Bürgerkrieg psychisch und physisch ausbeuten. Noch gestern hatte die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision die höchste Warnstufe im verarmten Land ausgerufen und ihren Nothilfeeinsatz ausgeweitet. Laut der Hilfsorganisation sind derzeit etwa 13,1 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Insgesamt leiden 4,3 Millionen Menschen in der DR Kongo konstant an Hunger. Vor allem sind die Kasai-Region sowie die Provinzen Tanganjika und Süd-Kivu vom Bürgerkrieg sehr stark betroffen. Das Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) gibt an, das die verheerende Gewalt in diesen Gebieten im vergangenen Jahr mehr als 2,5 Millionen Menschen vertrieben hat. Bereits letzten Monat hatten die Vereinten Nationen dort ihre höchste Katastrophenwarnstufe verlauten lassen. Jetzt gilt sie im ganzen Land. 8)

Scott Lout, Landesdirektor von World Vision erläutert die Situation: „Eine massive humanitäre Krise hat sich im Kongo fast unbemerkt entfaltet. Das Ausmaß und die Brutalität, mit der Kinder an schwer zugänglichen Orten im Kongo konfrontiert werden, ist fast unvorstellbar.“ Er ist vor kurzem aus dem Kongo zurückgekehrt und berichtet von Kindern, die ihm sehr grauenvolle Geschichten erzählt haben. Sie seien dazu gezwungen worden, zu kämpfen und Gräueltaten zu verüben. Ein 15-jähriges Mädchen namens Pauline, die ihre Mutter, ihren Vater und alle ihre älteren Geschwister verlor, berichtete: „Ich kannte einige Mädchen, die sich der Miliz anschlossen. Sie waren in meinem Alter oder sogar jünger als ich. Sie gingen fort, um zu kämpfen, Menschen zu töten und ihr Blut zu trinken.“ „Das, was Pauline zugestoßen ist, sollte kein Kind erleben müssen. World Vision hat sich dazu verpflichtet, alles dafür zu tun, um das Leben dieser Kinder zu retten, die in einem der komplexesten und fragilsten Umfelder der Welt gefangen sind. Wir haben bereits Teams in der Demokratischen Republik Kongo, Sambia und Angola, die Familien unterstützen, die aufgrund unterschiedlicher Krisen im Kongo geflohen sind. Wenn wir die Hilfe nicht ausweiten, werden innerhalb weniger Monate weitere Millionen Menschen vor der Gewalt fliehen müssen und Hunger leiden“, sagt Lout. Er fordert  die internationale Gemeinschaft auf, mehr zu tun. 8)

Fußnoten (Hinweise, Quellen, Links)

  1. Die Zeit Online: Amnesty wirft Autoherstellern Förderung von Kinderarbeit vor; 15.11.2017
  2. bpb.de: Demokratische Republik Kongo; 09.11.2017
  3. Die Zeit Online: Industrie warnt vor Rohstoffknappheit; 26.11.2017
  4. Die Zeit Online: Industrie warnt vor Rohstoffknappheit; 26.11.2017
  5. derwesten.de: Amnesty: 40.000 Minderjährige im Kongo schuften für Handys; 19.01.2016
  6. automobilwoche.de: Kobalt aus dem Kongo, Graphit aus China –  Kobalt aus dem Kongo, Graphit aus China – Deutsche Industrie warnt vor Rohstoff-Engpässen; 26.11.2017
  7. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Amnesty: Autokonzerne profitieren von Kinderarbeit im Kongo; 15.11.2017
  8. World Vision: World Vision ruft höchste Katastrophenwarnstufe aus und weitet Nothilfeeinsatz aus – 13,1 Millionen Menschen in der DR Kongo benötigen dringend humanitäre Hilfe; nicht mehr verfügbar



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