Nikotinkrank statt Schulbank: Kinder schuften auf Tabakplantagen, um die weltweite Sucht nach Nikotin zu befriedigen

Kinder in Indonesien bringen die Ernte ein

In den ärmsten Bauernfamilien Indonesiens ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Kinder mit anpacken | Bild: © Hugh Derr [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Die Zahl der Raucher in Deutschland nimmt immer weiter ab – Gott sei Dank. Selbst die Jugendkultur scheint immer weniger durch verlockende Werbungen der Tabakkonzerne geblendet werden zu können. Zahlreiche Verbote und Abschreckungsmaßnahmen haben dabei eine wichtige Rolle gespielt. Beispielsweise die bekannten Schockbilder auf jeder Zigarettenschachtel. Durch diese wird auf gesundheitliche Risiken wie Krebs, Herzleiden oder Unfruchtbarkeit hingewiesen. Auch die passiven Auswirkungen des Rauchens auf Mitmenschen werden hier nicht ausgelassen. Eine Gruppe wird jedoch vergessen abzubilden – absichtlich? Denn sie ist es doch, die mit den schwersten Gesundheitsschäden des Tabakkonsums zu kämpfen hat. Die Rede ist von den zahlreichen Tabakbauern in den Entwicklungsländern unserer Welt – darunter viele Kinder. Unter schwersten Bedingungen arbeiten diese für einen Hungerlohn, während sie krankmachenden Giftstoffen ausgesetzt sind. Besonders die Jüngsten von ihnen werden dabei nachhaltig geschädigt und können ein kindgerechtes Leben nicht führen – müssen sie ihren Eltern oft doch schon ab fünf Jahren bei der Produktion helfen.1)

Laut UN Kinderrechtskonvention ist die Arbeit in der Tabakproduktion für Kinder zwar verboten, dennoch bleibt den Eltern in den armen Bauernfamilien meist keine andere Wahl, um ihre Lebensgrundlage sichern zu können. Betroffen sind neben ärmeren Ländern wie Malawi aber auch Global Player wie Indonesien, Brasilien oder die USA. Ein Einzelschicksal unter Zehntausenden ist die dreizehnjährige July Eping auf der Insel Lombok. Besonders zur Erntezeit muss sie neben der Schule stundenlang bei der Einfuhr und Weiterverarbeitung der Tabakblätter mithelfen. An guten Tagen kann sie so umgerechnet einen Euro verdienen – doch das scheint vorbei. Denn July ist seit einiger Zeit schwer krank – in diesem Zustand erwirtschaftet sie nur noch ein paar Cent. Alle Symptome weisen auf die sogenannte „Grüne Tabakkrankheit“ hin. Sie wirkt sich so schmerzlich aus, dass vieles in den Hintergrund gerät – wie der Wunsch nach Entspannung oder Zeit zum Spielen. Die Arbeit mit den giftigen Pflanzen fordert schweren Tribut.2)1)

So fing bei July alles mit zunehmenden Gliederschmerzen und einem immer stärker werdenden trockenen Husten an. Doch es wurde noch schlimmer. Stechende Schmerzen beim Einatmen wurden bald begleitet von schweren Fieberschüben und unnachgiebigem Schwindel. Auch nach mehreren Tagen Ruhe ist es für July immer noch kaum möglich sich zu konzentrieren. Insbesondere wenn sie zwischen den täglichen Arbeitsabschnitten kurz die Schule besucht. Aufgrund von fehlender medizinischer Aufklärung wissen die Betroffenen kaum, welche Folgen die „Grüne Tabakkrankheit“ für ihr weiteres Leben haben kann. Dazu zählt neben bleibenden Nerven- und Hirnschäden auch Unfruchtbarkeit. Täglich kommen für Kinder wie July noch weitere Gefahren während der Feldarbeit hinzu. Beispielsweise Sonnenstiche, Schnittwunden oder Schlangenbisse – kein Kind sollte unter solchen Bedingungen leben müssen. Trotzdem wird von den großen Tabakkonzernen kaum etwas dagegen unternommen – Der Profit zählt hier mehr als ein reines Gewissen.2)3)4)

Welches Kapital und Potential diese Firmen jedoch haben und wie wenig sie sich wirklich engagieren, beweist ein Blick auf die Zahlen. So werden alleine in Deutschland 200 Millionen Euro jährlich für Werbezwecke von den Tabakgiganten ausgegeben. Wobei der weltweite Fond für Projektarbeit und Entwicklung grade mal 3,7 Millionen Euro beträgt. Dabei muss den Bauern am Ende der Wertschöpfungskette aktiver geholfen werden. Diese Verschulden sich bei den Tabakfirmen schwer, um ein Stück Land pachten zu können. Sogar Nahrungsmittel und Werkzeuge müssen sie bei diesen kaufen. Ihre Kinder mit einzuspannen, bleibt in solchen Situationen die einzige Alternative für die Bauernfamilien, um genug Geld zum Abbezahlen der Schulden zu erwirtschaften. Doch auch wenn Großkonzerne auf der unteren Arbeitsebene wirklich etwas ändern wollen, sind dabei einige Hürden vorhanden. Das liegt größtenteils an der Intransparenz der Lieferwege. Wenn Kinderarbeiter wie July ihre Tabakblätter zusammenbinden, kommen sie zuerst in die Hände von Zwischenhändlern. Danach passieren sie noch eine der Lagerhallen des regionalen Tabakhändlers, bis die Konzerne sie diesem schließlich abkaufen.4)5)6)

Um Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, lohnt sich ein Blick nach Brasilien. Dort werden Tabakbauern durch staatliche Mittel unterstützt, wenn sie auf andere Produkte umschwenken wollen. Besonders in ärmeren Ländern müssen jedoch zuerst die grundlegenden Rechte der Pachtarbeiter gestärkt werden. Ihre finanzielle Situation sollte zwingend so gestaltet sein, dass ein Einspannen der Kinder nicht mehr nötig ist. Diese könnten sich dann auf ihre schulische Ausbildung konzentrieren, um am Ende aus der Armutsspirale ausbrechen zu können. Ein höherer Preis für den Rohtabak und das Schaffen von mehr Transparenz sind dabei unentbehrlich. Die indonesischen Tabakkonzerne sind Sponsoren von Großveranstaltungen und Sportvereinen. Eine echte Imagepflege ist dies jedoch nicht – beruht die Quelle ihres Reichtums doch auf einem ausbeuterischen System. In Deutschland achten immer mehr Menschen auf den Konsum von Fair-Trade Produkten. Wir leben aber auch in einem Land, das der weltweit größte Zigarettenexporteur ist. Warum neben Fair-Trade Kaffe und Kleidung nicht auch Fair-Trade Zigaretten etablieren? Wenn wir uns schon selbst durch den Konsum von Tabakwaren schaden, sollten wir das nicht auf dem Rücken zehntausender Kinderarbeiter tun.4)7)

 

 

  1. unfairtobacco: Kinderarbeit im Tabakanbau; Beitrag zuletzt aufgerufen am 28.08.2018 [] []
  2. dw: Kinderarbeit auf Indonesiens Tabakfarmen; Beitrag vom 05.11.2016 [] []
  3. unfairtobacco: Kinderarbeit im Tabakanbau; Beitrag zuletzt aufgerufen am 28.08.2018 []
  4. netzfrauen: NIKOTINKINDER – Tabak, die giftige Pflanze; Beitrag vom 13.11.2013 [] [] []
  5. knowyourdrugs: Tabak & Kinderarbeit; Beitrag zuletzt aufgerufen am 28.09.2018 []
  6. handelsblatt: Wie die Tabakindustrie Kinder vergiftet; Beitrag vom 28.05.2016 []
  7. focus: Im Griff der Tabakindustrie: In Indonesien rauchen sogar Zweijährige Kette; Beitrag vom 31.08.2017 []

Über Lukas / earthlink

Ich bin Student und bin grade dabei meinen Bachelor in Politikwissenschaft und Soziologie abzuschließen. Während meines Studiums habe ich ein Semester im Ausland verbracht. Währenddessen habe ich mich aktiv mit Peace and Conflict studies beschäftigt. Um mich in diesem Kontext noch weiter zu informieren und selbst aktiv zu werden, habe ich mich für ein Praktikum bei earthlink entschieden.
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