Ghana: Wie wir in Agbogbloshie Europas größte Elektroschrottdeponie geschaffen haben

Die Mülldeponie Agbogbloshie in Ghana gehört zu den giftigsten Orten der Welt | Bild: © Fairphone [CC BY-NC 2.0] - Flickr

Seit dem 02. August dieses Jahres ist in den deutschen Kinos der Film „Welcome to Sodom“ der österreichischen Regisseure Weigensamer und Krönes zu sehen. Der Dokumentarfilm zeigt die größte Müllhalde in Afrika -„Agbogbloshie“- genauer in der Hauptstadt Ghanas, Accra. Hier wird der Elektroschrott, der aus vielen Teilen der Erde ankommt, auf wiederverwertbare Materialien durchsucht.

Vor 20 Jahren noch war Agbogbloshie ein ganz normaler Stadtteil von Accra. Seit Anfang der 2000er kommen hier jedoch jedes Jahr hunderte Tonnen Elektroaltgeräte in Containern am Hafen von Tema nahe der Hauptstadt an. Verschifft werden die Container aus Häfen der ganzen Welt, vor allem aber aus Westeuropa. 2017 hat die Menschheit laut The Global E-waste Monitor 44,7 Millionen Tonnen Elektroschrott produziert. Der Großteil landet in Agbogbloshie. Ghana ist damit einer der weltweit größten Importeure von gebrauchten Elektrogeräten1).

In Ghana leben viele Menschen unter der Armutsgrenze, daher haben sich Einige dazu entschlossen mit dem Müll wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen. Sobald die Container im Hafen angekommen sind, erwerben Zwischenhändler die Ware von den Importeuren. Meist kaufen die Händler die Ware ohne davor zu prüfen, ob sie funktioniert2). Falls ja, werden die Geräte direkt weiter verkauft – falls nein, wird die Elektronik repariert und dann weiter vertrieben. All die Geräte, die nicht mehr zu reparieren sind, landen in Agbogbloshie.

Auf der Mülldeponie arbeiten rund 4.000 Menschen1). Darunter zahlreiche Kinder, die von ihren Eltern in die Hauptstadt geschickt wurden, um die Familie finanziell zu unterstützen. So wühlen bereits Fünfjährige in den Bergen an Schrott, um kleinste Reste an Kupfer aufzusammeln. Das Ziel der Kinder ist es, an wertvolle Metalle zu kommen, die sie anschließend an Schrotthändler weiter verkaufen können. Die Schrotthändler verkaufen die Rohstoffe dann zurück nach Europa, Asien und Amerika. Um die Metalle beispielsweise von Fernsehern zu lösen, schlagen die Kinder die Geräte mit einem Hammer auf, um an die Bildröhre, das Blech, die Platine und die Kabel zu gelangen2). Das Gehäuse wird auf der Müllhalde weggeworfen. Effektiver noch als diese Methode sind die zahlreichen Feuer, mit denen die Müllarbeiterkinder das Plastik der Geräte schmelzen, um die wertvollen Metalle zu lösen. Dabei enthält der Elektroschrott vor allem Gold, Kupfer, Coltan sowie andere Schwermetalle. Der Verkauf bringt den Kindern meist nur ein paar Euro: Ein halber Beutel Eisen ist knapp einen Euro wert, Aluminium und Kupfer hingegen nur ein paar Cent3).

Problematisch ist, dass bei der Gewinnung von den Metallen eine nicht unbeachtliche Menge in den nahegelegenen Fluss und somit ins Grundwasser gelangt. Das hat zu einem enormen Fischsterben vor der Küste Accras geführt3). Eine Studie des New Yorker Blacksmith Institute bestätigte, dass Agbogbloshie zu den zehn am meisten verseuchten Orten der Welt gehört, kontaminiert mit großen Mengen an Schwermetallen2). Nicht ohne Grund nennen die Menschen den Ort wegen all der giftigen Gase und der Feuer„ Sodom“- die Hölle auf Erden.

Nicht nur für die Umwelt stellt Agbogbloshie eine Bedrohung dar. Die Gesundheit der Elektroschrottarbeiter leidet immens unter den krebserregenden Stoffen, die bei der Gewinnung der Metalle frei werden. Besonders für die Gesundheit der Kinder stellen sie ein enormes Risiko dar. Gerade Kinder, die schon in sehr jungen Jahren anfangen auf der Müllhalde zu arbeiten, sterben noch vor dem 30. Lebensjahr an den Folgen der Schadstoffbelastung. Tragisch ist, dass so viele Minderjährige ihr Leben aufs Spiel setzen müssen, um das tägliche Überleben zu sichern. 2008 prüfte Greenpeace die Schadstoffbelastung in Luft und Boden auf der Müllkippe und kam zu einem schockierenden Ergebnis: Die Werte lagen damals schon um das 50- fache über den als gesundheitlich unbedenklich geltenden Werten3). Da wir im Zeitalter der Digitalisierung seither beachtenswerte Schritte gegangen sind – der Konsum und Verbrauch von Elektronik also stark angestiegen ist-, ist davon auszugehen, dass seither immer mehr Container in Tema angekommen sind und die Belastung in den vergangenen Jahren weiter anstieg.

Wieso aber landet der Elektroschrott aus Europa und den anderen Teilen dieser Erde ausgerechnet in Ghana und wird nicht in der EU verschrottet? Der Prozess, der in Agbogbloshie stattfindet, nennt sich „Urban Mining“- die Gewinnung von Rohstoffen durch Recycling. Das ist vielen Industrieländern jedoch zu teuer. Also wird der Elektroschrott kurzerhand verschifft. Schätzungen der UN zufolge produziert Deutschland im Speziellen etwa 2 Millionen Tonnen Schrott im Jahr – davon werden nur etwa 700.000 Tonnen im Recyclingsystem der Bundesrepublik recycelt2). Und die restlichen 1,3 Millionen Tonnen?

Laut dem deutschen Elektro- und Elektronikgerätegesetz ist der Export kaputter Elektrogeräte in Staaten, die nicht der Industrieländer-Organisation OECD angehören, seit 2005 verboten2). Auch für alle anderen europäischen Staaten ist seit der Basler Konvention von 1989 der Export nicht mehr funktionierender Altgeräte gesetzlich verboten – der Hintergedanke: Entwicklungsländer vor unserem Müll bewahren. Jedoch geschieht genau das. Statt den Elektromüll also in den Herkunftsländern zu recyceln, wird er als brauchbare Second-Hand Ware gekennzeichnet und exportiert3). In Wahrheit handelt es sich größtenteils um Schrott.

Seit der Dokumentarfilm „ Welcome to Sodom“ erneut einen Scheinwerfer auf die Problematik in Ghana gerichtet hat, werden neue EU-Richtlinien sowie stärkere Kontrollen in Erwägung gezogen. Fraglich bleibt, ob die Maßnahmen den Menschen und insbesondere den Kindern von Agbogbloshie helfen können. Es kann jedoch jeder Einzelne bei sich anfangen: die Elektrogeräte länger nutzen, damit die Ressourcen ausgeschöpft werden und so schonender für unsere Umwelt sind. Daneben ist es sinnvoll, das Gerät direkt zum Recyclinghof zu bringen und fair produzierte elektronische Geräte zu kaufen1).

  1. Huffpost: Unser Elektroschrott landet in Afrika- darum müssen wir etwas dagegen tun; Artikel vom 28.05.2018 [] [] []
  2. Zeit Online: Auf der Jagd nach dem Schrott; Artikel vom 05.08.2014 [] [] [] [] []
  3. Planet Wissen: Giftiger Elektromüll; Stand 01.08.2017 [] [] [] []

Über Sonjara / earthlink

Ich studiere in München Ethnologie und Rechtswissenschaften. Dank meines Studiums habe ich gelernt die Welt nicht nur mit den eigenen Augen zu betrachten, sondern die Realität aus verschiedenen Blickwinkeln wahrzunehmen. Ich mache hier ein Praktikum, um dieses Wissen sowie meine Erfahrungen durch Auslandsaufenthalte im Rahmen der Projekte anzuwenden und so auch mich selbst weiter zu entwickeln.
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