Voluntourism – Warum ein Besuch im Kinderheim nicht auf deiner Reiseliste stehen sollte

Kinder des "Happy Home" in Indien

Das "Happy Home" in Indien - Leider fehlt der Platz, um weitere Kinder aufzunehmen | Bild: © Chaitanya Mahila Mandali - Maren Wellmann

Voluntourism ist ein Modewort, zusammengesetzt aus den englischen Wörtern „Volunteer“ und „Tourism“, was so viel bedeutet wie freiwilliges Engagement auf der Reise. Seit einigen Jahren ist dies sehr beliebt und auch zu einer boomenden Einnahmequelle geworden. Auch ich habe auf meinen Reisen schon so einige Projekte unterstützt, manches würde ich heute nicht mehr machen, denn oftmals sind die negativen Auswirkungen viel größer als der Nutzen für die Bevölkerung.

Ein sehr in Verruf geratener Teilbereich des Voluntourism ist der sogenannte „Orphanagetourism“, das heißt, der Besuch eines Kinderheimes auf Reisen. Ob als Tagestourist oder als ehrenamtlicher Mitarbeiter, der für ein paar Wochen bleibt, beides ist keine gute Idee und dafür gibt es auch ernstzunehmende Gründe.

2017 hat die australische Regierung „Orphanagetourism“ als moderne Sklaverei klassifiziert, zudem wird in demselben Kontext oft auch von Kinderhandel gesprochen, beides zählt laut ILO zu den schlimmsten formen der Kinderarbeit. Auch wenn das nicht sofort offensichtlich ist, werden die Kinder als Einnahmequelle missbraucht. Denn das Geschäft rund um den Besuch von Kinderheimen ist in manchen Reiseländern in den letzten Jahren sehr profitabel geworden und mittlerweile ist Voluntourism eine Milliardenindustrie. Du fragst dich vielleicht, genauso wie ich damals, was soll daran denn so schlimm sein? Die Touristen spielen mit den Kindern, bringen Geschenke und Spenden Geld.1)2)

Doch der Schein trügt, denn verschiedene Nachforschungen in verschiedenen Ländern kamen zu dem Ergebnis, dass über 80 Prozent der Kinder in den Heimen noch lebende Eltern hatten und somit keine Waisenkinder waren. Viele stammen aus armen Familien aus den ländlichen Gegenden und die Eltern haben ihre Kinder an das Kinderheim übergeben, weil sie dort eine Bildung bekommen und auch sonst versorgt werden. Aber die Kinder werden von den Heimbesitzern dazu missbraucht, den Touristen und ehrenamtlichen Helfern Spenden zu entlocken, die meist den Kindern nicht zugutekommen, sondern in den Taschen der Heimbesitzer landen. Zudem werden sie zum Teil wie der Besitz der Heimleiter behandelt, was tatsächlich schon an Sklaverei grenzt und manchmal haben selbst die Eltern Probleme ihre Kinder wieder nach Hause zu holen.3)4)5)

Meist bekommen die Kinder durch die Heime zwar Bildung, Kleidung, Essen und ein Dach über dem Kopf, für die die Eltern nicht aufkommen müssen, aber dadurch ermutigen sie die Trennung der Kinder von ihrer Familie. Es ist schon lange bewiesen, dass ein Aufwachsen im Kinderheim nicht das richtige für Kinder ist und es viele negative Langzeitfolgen für die Entwicklung gibt. Zudem haben die Kinder durch die ständigen Besucher wenig Privatsphäre und wechselnde freiwillige Betreuer führen dazu, dass die Kinder keine feste und stabile Bezugsperson haben, an die sie sich binden können. Zudem wird durch unser Verlangen „Gutes zu tun“ und in einem Kinderheim zu arbeiten oder es zu besuchen ein künstlicher Bedarf an Waisenkindern geschaffen, der durch die Verlockung der kostenlosen Unterbringung und Beschulung für viele arme Eltern attraktiv ist.6)4)7)5)

In vielen Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas wird Orphanagetourism schamlos ausgenutzt und geht auf die Kosten der Kinder. Ich selbst stand schon in Guatemala vor einem Kinderheim, in dem ich helfen wollte und man mir sagte, dass die Kinder gar nicht da wären, sondern bei ihren Familien Urlaub machten. Das kam mir damals schon etwas komisch vor, aber ich dachte ich hätte die Dame einfach falsch verstanden, da mein Spanisch nicht so gut war. Heute bin ich davon überzeugt, dass auch dieses Kinderheim keine wirklich guten Absichten mit den Kindern hatte, denn dort zu helfen war auch sehr teuer.

Wer auf seinen Reisen helfen möchte, sollte sich über die Konsequenzen für die gesunde Entwicklung der Kinder und was eine dauerhafte Trennung von der Familie für sie bedeutet im Klaren sein. Zudem sollte man sich überlegen, warum man vor Ort den Menschen einen Job wegnehmen möchte, der oftmals sehr dringend gebraucht würde. Besser man unterstützt Projekte, die die Kinder in ihren Familien unterstützen und durch die Ausgaben als Tourist auch die lokale Wirtschaft, denn Kinder sollten bei ihren Familien aufwachsen und nicht als „Ausstellungsstücke in einem Kinderheim“.4)7)

  1. Save the Children: Orphanage tourism modern slavery: Veröffentlicht am 08.12.2018 []
  2. The Australian: Voluntourism: the hidden twists of trying to build a better world: Veröffentlicht am 28.08.2018 []
  3. The Guardian: Nepal’s bogus orphan trade fuelled by rise in voluntourism: Veröffentlicht am 27.05.2014 []
  4. The Guardian: Volunteers are fueling the growth of orphanages in Uganda. They need to stop: Veröffentlicht am 16.05.2016 [] [] []
  5. The Guardian: Most of the children still have parents: behind the facade of a Bali orphanage: Veröffentlicht am 04.02.2018 [] []
  6. The Guardian: Nepal´s bogus orphan trade fueled by rise in „voluntourism“: Veröffentlicht am 27.05.2014 []
  7. Think child safe: Children are not tourist attractions: Stand 31.08.2018 [] []

Über Benita / earthlink

Ich arbeite ehrenamtlich in den Projekten "Fluchtgrund" und "Aktiv gegen Kinderarbeit" mit. Studiert habe ich African Studies with Development und World Heritage Studies und arbeite seit Ende meines Studiums in der Flüchtlingshilfe.
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