Trotz Sklaverei: Mauretanien übernimmt Vize-Präsidentschaft des UN-Menschenrechtsrates

Der UN-Menschenrechtsrat hat wahrlich keine ruhmesreiche Geschichte. Die Zusammensetzung des Rates wird durch die UN-Generalversammlung mit einfacher Mehrheit bestimmt, so konnten Länder wie Saudi-Arabien, Katar, Ägypten, Russland, Kuba, Libyen und Benin in seine Reihen gewählt werden.  Eine illustere Runde, bedenkt man, dass es ja um Menschenrechte geht. Dies war in der Vergangenheit auch häufig Grund für Kritik.1)

Nun ist das Gremium wieder in die Schlagzeilen geraten: In diesem Jahr wird unter anderem Mauretanien die Vize-Präsidentschaft inne haben, und somit auch die heute in Genf beginnende erste Sitzung des Jahres mit abhalten. Was die wenigstens dabei wissen: Mauretanien hat die Sklaverei zwar verboten und kriminalisiert, defacto leben aber immer noch weite Teile der Bevölkerung in Sklaverei bzw. Sklaverei-ähnlichen Verhältnissen.2)

Die Regierung hat moderate Anstrengungen gegen die Sklaverei unternommen, aber bis heute existiert sie im ganzen Land. Es sind extreme Armut, mangelnde Bildung, kulturelle und religiöse Motive, die Menschen in die Sklaverei bzw. in Sklaverei-ähnliche Verhältnisse zwingen.3) Ein Problem sind beispielsweise Koranschulen, die von Jungen vor allem im Süden des Landes besucht werden. Die Schüler, Talibés gennant, werden in die Schulen geschickt, um Bildung zu erhalten, die Realität sieht jedoch häufig anders aus. Die Jungen werden gezwungen, Stunden lang zu betteln, die Erlöse dürfen sie natürlich nicht behalten. Die meisten Talibés stammen aus dem Senegal und aus Mali.4)

Es gibt aber auch Kinder, die bereits als Sklaven geboren werden, und so ihr ganzes Leben lang harte und unbezahlte Arbeit verrichten müssen, zum Beispiel Viehzucht, Landwirtschaft und Hausarbeit.5) Berichten zufolge wurden gerade einmal 7 Jahre alte Kindersklaven auf manchen Farmen gefunden.3)

Dabei treffen zwei Probleme aufeinander: zum einen eine lange Tradition der Sklaverei, zum anderen eine ethnisch und kulturell stark fragmentierte Gesellschaft. Die arabischen Berber-Stämme des Nordens sind die Elite des Landes. Es gibt aber noch islamische Afrikaner, ehemalige Sklaven der Berber die den Islam übernahmen, die heute Haratine genannt werden und starker Diskriminierung ausgesetzt sind. Die Haratine entstammen den traditionellen afrikanischen Stämmen des Südens, bei denen Sklaverei wiederum ein Mittel der sozialen Abgrenzung darstellt, ähnlich eines Kasten-Wesens.4)

Genaue Zahlen über das Ausmaß der Sklaverei in Mauretanien gibt es nicht, der Journalist Tom Gross spricht von 800.000 Betroffenen, was seinen Angaben zufolge 20% der Bevölkerung wären.2) Die Zahl wird vom U.S-Department of State bestätigt.6) Die Regierung selber hat zwar Gesetze gegen Kinderarbeit erlassen, aber die Umsetzung ist mangelhaft. Spezielle Programme richten sich nur gegen die Folgen von Sklaverei, nicht gegen die Ursachen.3) Zudem gelten auch unter der neuen Rechtssprechung Zwangsheirat, Arbeit als Diener und Abhängigkeit durch Schulden nicht als Sklaverei, NGOs dürfen Betroffene des Weiteren nicht vor Gericht vertreten. Die Regierung scheint zudem einen breiten Diskurs in der Öffentlichkeit zu dem Thema zu scheuen.7)

Die Frage, ob so ein Land den stellvertretenden Vorsitz eines Menschenrechtsgremiums übernehmen sollte, ist recht einfach zu beantworten. Jedoch muss man dabei bedenken, dass der UN-Menschenrechtsrat zwar demokratisch gewählt wird, in der UN-Generalversammlung jedoch nicht-demokratische Regierungen in der Mehrheit sind. Die demokratische Welt muss sich aber dennoch fragen lassen, warum sich Länder mit miserabler Menschenrechtssituation auf gerade dieser Bühne in ein positives Licht rücken können – und warum die demokratischen Staaten nichts dagegen unternehmen.

 

  1. UN-Menschenrechtsrat – Wikipedia – aufgerufen am 26.2.2013 []
  2. Tom Gross: The UN’s willful ignorance of modern-day slavery – The National Post – aufgerufen am 26.2.2013 [] []
  3. Country Reports on Human Rights Practices for 2011: Mauritania – U.S.-Department of State – aufgerufen am 26.2.2013 [] [] []
  4. Mauritania: Report of the Special Rapporteur on contemporary forms of slavery (2010)ILO – aufgerufen am 26.2.2013 [] []
  5. 2011 Findings on the Worst Forms of Child Labor: Mauritania – U.S.-Department of Labor – aufgerufen am 26.2.2013 []
  6. Trafficking in Persons Report  2012 – U.S.-Department of State – aufgerufen am 26.2.2013 []
  7. Information on Mauritania – Anti-Slavery International – aufgerufen am 26.2.2013 []

Über philip / earthlink

Meinem Bachelorstudium der Politikwissenschaft mit Nebenfach Geschichte an der LMU München habe ich im Januar 2013 abgeschlossen. Bei EarthLink kümmerte ich mich um Recherche zu den aktuellen Projekten, Qualitätssicherung und die Erweiterung des Wikis
Dieser Beitrag wurde unter Internationales, Politik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.