Gekauft, um zu arbeiten

Bild: © Krish Dulal - Wikimedia Commons

Laut UNICEF arbeiten weltweit etwa 168 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 17 Jahren. Diese müssen unter Bedingungen arbeiten, die sie ihrer elementaren Menschenrechte und Chancen berauben. 120 Millionen der arbeitenden Kinder sind jünger als 15 Jahre. 85 Millionen – mehr als die Hälfte – leiden unter gefährlichen oder ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. Sie werden gezwungen, auf Plantagen, Müllkippen oder Minen von morgens bis abends hart zu schuften oder hinter verschlossenen Haustüren als Sklaven zu arbeiten. Auch müssen viele als Prostituierte ihren Körper verkaufen.1)2)

Bishnu Chaudhary aus Nepal ist 20 Jahre alt, studiert Erziehungswissenschaften und hat vor kurzem in München an der Veranstaltung „United against Poverty“ anlässlich des G7 Gipfels teilgenommen. Ihre Lebensaufgabe sieht sie darin, auf die Situation von ausbeuterischer Kinderarbeit in ihrem Heimatland aufmerksam zu machen. Sie setzt sich besonders für die Rechte von Frauen und Kindern in Nepal ein. Heutzutage beschreibt sie sich als glückliche, freie Frau und fühlt sich, als ob das ganze Leben vor ihr liegt.3)

Vor 13 Jahren sah ihre Situation anders aus. Sie musste für umgerechnet 13 Euro im Jahr für einen Großgrundbesitzer arbeiten, an den sie von ihren Eltern verkauft wurde. Mindestens zwölf Stunden am Tag wurde sie als Hausmädchen versklavt. Wenn sie heute wortgewandt in Englisch von ihrer Kindheit erzählt, bricht ihre Stimme. Anders als ihr jüngerer Bruder, mussten sie und ihre drei älteren Schwestern auf dem gepachteten Stück Land ihrer Eltern (selbst ehemalige Zwangsarbeiter) arbeiten. Bishnu durfte nicht wie ihr Bruder zur Schule gehen, obwohl sie immer davon träumte. Jedes Mal, wenn sie ihren Vater darum bat, sagte dieser: „Du bist ein Mädchen, Mädchen heiraten und helfen im Haushalt. Sie müssen nicht zur Schule gehen. Das ist Verschwendung.“ Heute sagt sie: „Ich wollte nur einmal saubere Hände haben, eine saubere Schuluniform anziehen, etwas lernen. Mehr wollte ich doch gar nicht.“ Doch sie hoffte umsonst. Nach einigen schlechten Ernten konnte ihr Vater die Raten für eine zuvor auf Kredit erworbene kleine Hütte nicht mehr abbezahlen. Eines Tages standen Männer mit einem Motorrad vor ihrer Lehmhütte. Sie wurde mitgenommen. Von nun an musste sie im Hause eines Großgrundbesitzers arbeiten. Ihr Tag begann vor Sonnenaufgang und endete, wenn alle schon schliefen. Eigentlich wurde den Eltern versprochen, Bishnu könne die Schule besuchen und müsse nur nachmittags arbeiten. Auf ihre Nachfrage, wann die Schule beginne, sagte der Großgrundbesitzer lediglich: „Ich habe dich gekauft, damit du arbeitest.“ Von dem erworbenen Geld konnte sich Bishnus´ Familie dennoch kaum ernähren.3)

Zwei Jahre weinte sie viel. Das änderte sicher erst, als sie ihre Eltern danach wiedersah. Mitarbeiter der NGO „Plan International“ hatten ihre Eltern überzeugt, Bishnu zur Schule statt zur Arbeit zu schicken. Nun hatte sie endlich eine kleine Aussicht auf eine Möglichkeit zu lernen. Leider benötigte ihr Vater doch ihre Hilfe auf dem heimischen Feld, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Der Drang nach Wissen war aber so groß, dass sie sich entschied, heimlich zu lernen. Sie versteckte die Schulbücher im Essensbündel, zog auf dem Feld heimlich die Schuluniform an und ging zur Schule. Bishnu lernte schnell und überstand die Probezeit. Bald schon konnte sie in Klasse 5 einsteigen. „Damit mein Vater es nicht mitbekommt, habe ich nachts im Mondschein gelernt“, erinnert sie sich. Erst als sie zur Schulbesten gekürt wurde, erfuhr ihr Vater davon. Er war stolz auf sie. Die zehnte Klasse schloss sie mit einem so guten Abschluss ab, wie ihn noch kein Mädchen zuvor in ihrer Region gemacht hatte. Sie arbeitete als Moderatorin eines Radiosenders und engagierte sich in verschiedenen Gruppen gegen Kinderversklavung in London und Spanien. Neben alldem begann Bishnu Erziehungswissenschaften zu studieren. Nach ihrem Abschluss will sie ein Jura-Studium in Kathmandu anschließen. Denn Bishnu will Anwältin werden, für die Rechte anderer Mädchen eintreten und Kinderversklavung endgültig abschaffen.3)

Die in diesem Artikel beschriebene Art von Sklaverei trägt den Namen Kamalari, was „hart arbeitendes Mädchen“ bedeutet. In Nepal ist die Praxis seit 2000 offiziell verboten, wird aber nur selten von den Behörden verfolgt. Das Kinderhilfswerk Plan International setzt sich seit 2006 dagegen ein. 3.700 Mädchen wurden bereits befreit, viele leben aber noch in Gefangenschaft.3)

  1. unicef.de: Blog/ Kinderarbeit – Zuletzt aufgerufen am 14.10.2015 []
  2. unicef.de: Projekte/ Kinderarbeit – Zuletzt aufgerufen am 14.10.2015 []
  3. abi.unicum.de: Gekauft um zu arbeiten – Zuletzt aufgerufen am 14.10.2015 [] [] [] []

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