Pestizide und Nikotin: Auf US-amerikanischen Tabakplantagen arbeiten Kinder völlig legal

Tabakfarmer in den 60ern: Die romantische Vorstellung vom einfachen Leben im Familienbetrieb entspricht häufig nicht der Realität der USA von heute

Tabakfarmer in den 60ern: Die romantische Vorstellung vom einfachen Leben im Familienbetrieb entspricht häufig nicht der Realität der USA von heute | Bild: © Elgin County Archives [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Weltweit ist Kinderarbeit in der Tabakproduktion weit verbreitet. Vor allem Malawi und Indonesien stehen immer wieder im Fokus, wenn es um die Ausbeutung von Kindern auf Tabakplantagen geht. Aber auch in den USA, immerhin der viertgrößte Hersteller für die wohl meist verbreitete legale Droge, werden Kinder in der äußerst gesundheitsschädlichen Arbeit auf Tabakfarmen beschäftigt. Der Grund dafür liegt nicht etwa in zu laxer Überwachung, sondern in der Gesetzgebung der Vereinigten Staaten selbst. Denn anders als in sämtlichen anderen Bereichen, für die klare Regeln im Bezug auf Kinderarbeit bestehen, ist die Beschäftigung von Minderjährigen in der Landwirtschaft völlig legal. Mit der „agricultural exemption“ sollen Familienbetriebe und die amerikanische Landwirtschaft geschützt werden. Allerdings spiegelt die moderne Landwirtschaft in keiner Weise die romantische Vorstellung des „Farmlife“ wider und die Kinder auf Tabakplantagen und anderen Betrieben helfen mit ihrer Arbeit häufig ihren, in die USA migrierten Eltern, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie sind vor allem billige Arbeitskräfte, die Gesundheit und Zukunft riskieren, um sich und ihrer Familie aus der Armut zu helfen. 45 Prozent aller Farmarbeiter unter 17 sind Lateinamerikaner*innen, so die Schätzung einer Untersuchung des „Government Accountability Office (GAO)“ zwischen 2013 und 2016.1) 2)

Ein*e Zwölfjährige*r kann in den Vereinigten Staaten völlig legal bis zu 60 Stunden in der Woche in der Landwirtschaft arbeiten, solange dies außerhalb der Schulzeit stattfindet. Für kleinere Betriebe gelten überhaupt keine Altersbeschränkungen, was manche dazu verleitet bereits Siebenjährige für sich arbeiten zu lassen. Kinder sind vor allem saisonale Beschäftigte, die im Sommer auf Feldern ackern, während andere ihre Ferien genießen dürfen. Gerade die Tabakproduktion ist dabei besonders gesundheitsgefährdend für die Entwicklung der Kinder. Viele zeigen Symptome akuter Nikotinvergiftung, weil sie den süchtig machenden Wirkstoff bei der Verarbeitung der großen Tabakblätter über die Haut aufnehmen. Der durchschnittliche Arbeiter ist pro Tag etwa dem Nikotingehalt von 6 Zigaretten ausgesetzt. Das mag für einen Erwachsenen moderat sein, für ein Kind jedoch eine ganze Menge. Befragte Kinder erzählen, dass sie oft an Schwindelgefühl und Übelkeit leiden, sich nach der Arbeit übergeben zu müssen, sei sehr häufig der Fall. Eine weitere Gefahr ist die verbreitete Verwendung von Pestiziden auf den Feldern. Der Kontakt mit den Giften bedroht die gesunde Entwicklung enorm und kann vor allem bei Kindern zu Gehirnschäden führen. Immerhin dürfen Kinder die Pestizide bisher nicht selbst anwenden. Der Vorgang, bei dem sie den Giftstoffen am meisten ausgesetzt sind. Geht es nach der Regierung unter Donald Trump, sollen die Gesetze jedoch auch in dieser Beziehung weiter gelockert werden. Es ist gut möglich, dass im Herbst das Gesetz dahingehend verändert wird, dass bereits 16-Jährige hoch toxische Mittel sprühen dürfen. Fünf Jahre bevor sie legal ihr erstes Bier trinken dürfen und noch zwei Jahre bevor sie das Produkt, das sie herstellen, selbst kaufen können.3)4)5)6)

Trump, der bei einem Kongress des „American Farm Bureau“ in typischer Manier betonte, wie sehr er Farmer liebte, hat bereits einiges unternommen, um auch im Agrarsektor die genaue Gegenrichtung seines Vorgängers einzuschlagen. Die Regierung Obama gab eigentlich den Anstoß dafür, Farmarbeit für Kinder unter 16 generell zu verbieten. Sehr zum Ärgernis der Agrarlobby, vertreten vor allem durch jenes „American Farm Bureau“, das in schärferen Gesetzen stets eine Bedrohung für die Familienfarm und die Landwirtschaft allgemein sieht. Aber auch etwa der massive Umbau der Umweltbehörde „EPA“ zeigt einen Wechsel an, der die Situation weiter verschlechtern wird. Mit der Einsetzung von Scott Pruitt wurde auch die EPA zunehmend Industrie- und Unternehmerfreundlich. Ein geplantes Verbot für bestimmte Pestizide, die sogenannten Chlorpyrifos, wurde unter seiner Federführung gestoppt. Die EPA der Regierung Trump widersprach damit der vorangegangenen, agenturinternen, wissenschaftlichen Forschung, die das Pestizid mit immer weitreichenderen Gesundheitsrisiken wie Gedächtnisproblemen und verringerten IQ-Werten in Verbindung bringen konnte. Die Verkündung über die Verhinderung des Verbots erfolgte zudem nur kurz nach einem Treffen Pruitts mit dem Hersteller „Dow Chemicals“, der auch bereits Trumps Einführungszeremonie mit einer Millionen Dollar unterstützt hatte.  Dow ist unter anderem dafür bekannt, sich konsequent gegen Entschädigungszahlungen zu verweigern, nachdem bei einem Chemieunfall in einer Fabrik des späteren Tochterunternehmens „Union Carbide“ rund 8.000 Todesopfer in der indischen Stadt Bhopal zu beklagen waren. Nun sollen Gifte wie Chlorpyrifos also nicht nur weiterhin erlaubt sein, sondern sogar in die Hände von Jugendlichen geraten.7)8)9)10)11)

Zweifelsohne ist die Gesetzgebung im Bezug auf Kinderarbeit einem demokratischen und reichen Land wie den USA mehr als unwürdig, die weiter geplante Liberalisierung unter Trump schlichtweg skandalös. Doch wie überall beim Thema Kinderarbeit gilt auch für die USA: klare Verbote und Altersgrenzen, sowie deren strikte Überwachung, sind ein nötiger aber nicht allein ausreichender Weg, die Problematik zu bekämpfen. Die Wurzel liegt auch in den USA bei den Beweggründen, die Kinder zur Arbeit auf Tabak- oder sonstigen Feldern treiben. Der Weg diese zu beseitigen liegt explizit nicht in der Behandlung der arbeitenden Kinder, sondern der (land-)arbeitenden Erwachsenen. Vor allem deren stabiles und ausreichendes Einkommen macht Kinderarbeit obsolet. Leider erlauben die Regularien rund um die „agricultural exemption“ den Farmbesitzern nicht nur weitgehende Rechte bei der Auswahl ihrer Arbeiter*innen, sondern verweigern den Arbeitnehmer*innen auch fundamentale Rechte: Landarbeitende sind etwa vom „National Labor Relations Act“ ausgeschlossen, der es verbietet wegen dem Beitritt zu einer Gewerkschaft gekündigt zu werden. Überstunden müssen nicht bezahlt werden und auch der Mindestlohn kann sehr einfach umgangen werden. Im Agrarsektor des „Land of the Free“ ist die Freiheit mehr oder minder allein auf der Seite der Landbesitzer und Unternehmen. Der Kurs der derzeitigen Regierung zeigt an, dass sich daran so schnell nichts ändern wird.12)

Speziell im Bezug auf die Tabakproduktion sei abschließend gesagt: Noch schwieriger, als sich die eigene Nikotinsucht abzugewöhnen, die letztlich immerhin die Nachfrage nach dem Produkt schafft und die Arbeitsbedingungen von Kindern auf den Feldern legitimiert, ist wohl ein radikaler Politikwechsel in den USA. Nach wie vor ist Deutschland mit etwa 39.000 Tonnen einer der größten Abnehmer für Rohtabak aus den USA. Unter den beliebtesten Zigarettenmarken dominieren auch hierzulande amerikanische Produkte wie Marlboro, Camel oder L&M. Vielleicht ist es an der Zeit erneut über den eigenen Konsum nachzudenken. Wenn nicht für die eigene Gesundheit, dann für die Gesundheit der Kinder, die auch in diesem Sommer wieder auf den Feldern von North Carolina oder Virginia stehen.13)14)

  1. United States Government Accountability Office: Working Children; Veröffentlicht November 2018 []
  2. Human Rights Watch: More US Child Workers Die in Agriculture Than in Any Other Industry; Artikel vom 04. Dezember 2018 []
  3. National Public Radio: It Is Legal For Kids To Work On Tobacco Farms, But It Can Make Them Sick; Artikel vom 13. Juli 2018 []
  4. The Guardian: The US children working in tobacco fields: ‘I wanted to help my mama’; Artikel vom 28. Juni 2018 []
  5. The Guardian: Trump administration won’t ban pesticide tied to childhood brain damage; Artikel vom 18. Juli 2019 []
  6. Humanium.org: Child Labor in the United States; Artikel vom 16. Mai 2016 []
  7. Whitehous.gov: Remarks by President Trump at the American Farm Bureau Federation’s 100th Annual Convention; Artikel vom 14. Januar 2019 []
  8. Deutschlandfunk: Das Urteil zur Bhopal-Katastrophe; Artikel vom 14. Februar 2019 []
  9. MotherJones: Trump’s EPA Just Made Its Final Decision Not to Ban a Pesticide That Hurts Kids’ Brains; Artikel vom 18. Juli 2019 []
  10. ewg.org: Agriculture Is the Most Dangerous Industry for Child Workers – and the Trump Administration Is Making It Worse; Artikel vom 03. Januar 2019 []
  11. The Atlantic: The Overlooked Children Working America’s Tobacco Fields; Artikel vom 21. Juni 2018 []
  12. smallbusiness.com: What Is the Agriculture Exemption for Fair Labor Law?; Stand Juli 2019 []
  13. zigaretten-marken.com: Top 10 Zigarettenmarken Deutschland; Stand Juli 2019 []
  14. WHO: Tobacco Trade; Abgerufen am 23. Juli 2019 []

Über Luis / earthlink

Ich bin der Luis und habe gerade meinen Bachelor in Soziologie an der LMU abgeschlossen. Bevor mich die Theorie im Herbst wieder einholt, wollte ich noch etwas den Münchner Frühling und Sommer genießen. Damit die Gedanken über Politik und Gesellschaft nicht nur an der Isar oder dem Kletterfelsen Ausdruck finden, bin ich hier und hoffe, ich werde noch einiges lernen.
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